Tame Impala – Zeit und Vergebung


Kevin Parker

Fünf Jahre nach ihrem letzten Album legen Tame Impala endlich nach: Auf dem bisher vielseitigsten Album seiner Band setzt sich Mastermind Kevin Parker mit dem Vergehen der Zeit auseinander. Von Nadine Wenzlick


Kevin Parker hasst Wiederholung. «Ich finde es einfach nur sinnlos. Ich will nicht dasselbe noch mal machen», sagt der Sänger und Kopf der australischen Band Tame Impala. Deswegen sind seit dem letzten Album der Gruppe, dem Grammy-nominierten «Currents», auch fünf Jahre vergangen. Statt an einem Nachfolger zu arbeiten, verbrachte Parker seine Zeit lieber damit, mit Künstlern wie Travis Scott, Lady Gaga und Rihanna zu kollaborieren. «Mich reizte es, Songs zu schreiben, bei denen ich nicht im Tame-Impala-Kontext denken musste und auch nicht der Sänger war», so Parker weiter. «Bis ich irgendwann erkannte, dass ich auch mit Tame Impala eine Menge Sachen machen kann, von denen ich immer dachte, ich dürfte sie nicht – zum Beispiel Dance oder House.»

Dance und House sind nun zum Teil auch auf «The Slow Rush» zu hören. Das vierte Album ist das bisher vielseitigste der Band und reicht vom überraschenden House-Beat im Opener «One More Year» bis zu der catchy Electropop-Single «Lost In Yesterday». Aufgenommen, produziert und gemischt hat Parker die Platte wie immer ganz alleine. Dabei experimentierte er mit völlig neuen Aufnahmemethoden: «Glimmer» zum Beispiel entstand aus einem Jam, «Lost In Yesterday» hingegen quasi über Nacht: Weil ihm zu der Akkordfolge lange keine Melodie einfiel, liess er den Song während er schlief eine Nacht lang in Endlosschleife laufen. «Ich wollte einfach gucken, was passiert», grinst er. «Vielleicht war es bloss Zufall, aber eine Stunde nach dem Aufwachen hatte ich eine Melodie im Kopf.»

Thematisch folgt «The Slow Rush» einem roten Faden. «Viele Songs handeln vom Vergehen der Zeit. Es geht um Nostalgie, darum, Angst vor der Zukunft zu haben, sich zu fragen, wo man in einem Jahr steht und nicht zu wissen, was passiert – was ja irgendwie auch schön ist», so Parker. «Zeit ist etwas, das mich schon immer fasziniert hat. Ich weiss noch, wie ich die High School beendet habe und dachte ‚wow‘! Auf einmal erkennt man, dass man nie mehr zurück kann. Wir sind auf diesem Laufband und können nicht abspringen.» So singt Parker in «Lost In Yesterday» davon, sich in der Vergangenheit zu verlieren und selbst unangenehme Dinge mit entsprechendem Abstand zu romantisieren, «It Might Be Time» derweil handelt davon, wie eine Person sich im Laufe der Zeit verändern kann und wie sich das auf eine Beziehung auswirkt.

Der bewegendste Song ist allerdings «Posthumous Forgiveness», denn Parker vergibt darin seinem 2009 verstorbenen Vater. «Meine Eltern liessen sich scheiden, als ich vier war. Danach war unsere Familiensituation… ich sage mal schwierig“, so Parker. «You decided to take all yor sorrys to the grave», wirft er seinem Vater zunächst vor, zeigt sich am Ende des Songs jedoch versöhnlich. «You’re just a man after all» und «Wanna play you all my Songs.» «Das wünsche ich mir manchmal, dass ich ihm meine Songs zeigen könnte», so Parker. «Er war Musiker und ich glaube sie hätten ihm wirklich Spass gemacht.» Garantiert.

Tame Impala – The Slow Rush

Für Fans von alt-J, MGMT, Animal Collective

The Slow Rush

Album Cover Tame Impala – The Slow Rush

Die falsche Platte eingelegt? Bei den House-Beats des Eröffnungstracks «One More Year» kann man das schon mal glauben – bis der unverkennbare Gesang von Kevin Parker einsetzt. Auf dem vierten Album klingen Tame Impala abwechslungsreicher denn je. Funky Bass-Melodien treffen auf elektronische Disco-Sounds und Flöten, Drum Computer auf verspielte Keyboard-Melodien und dichte Synthesizer-Wände.

4 von 5 Sterne