The 1975: Die Pop-Band mit Gewissen


Auf ihrem neuen Doppelalbum «Notes On A Conditional Form» vereinen The 1975 alle Spielarten des Pop – und vertonen gleichzeitig das Lebensgefühl der Millennials. Wir haben uns mit Frontmann Matt Healy unterhalten.


von Nadine Wenzlick

Als The 1975 im November 2018 ihr drittes Album «A Brief Inquiry Into Online Relationships» veröffentlichten, gaben sie ihren Fans gleichzeitig ein Versprechen mit an die Hand: Der Nachfolger sei bereits fast fertig und würde in Bälde folgen. Am Ende hat doch alles etwas länger gedauert, aber dafür erscheint mit «Notes On A Conditional Form» nun ein echter Brocken von einem Album: In 22 Songs und über 70 Minuten vereinen die Briten, die sich seit Veröffentlichung ihres Debüts vor sieben Jahren vom Teenie-Liebling zu einer der meist geschätzten Bands Grossbritanniens entwickelt hat, alle Spielarten des Pop.

Banjo trifft House trifft Dad Rock

«Das ist vermutlich weniger eindrucksvoll, als es auf den ersten Blick scheint», gibt sich Sänger Matt Healy bescheiden. «Wir machen jetzt seit 17 Jahren zusammen Musik – wir haben angefangen, als wir 13 waren und haben seitdem so viel Zeit miteinander verbracht. Auch bei unserem letzten Album meinten die Leute, dass es mutig sei, aber am Ende geht es darum, zu vermeiden, dass wir uns langweilen.» Langweile jedenfalls lässt «Notes On A Conditional Form» zu keiner Zeit aufkommen. Mal packen The 1975 Banjo und Steel Guitar aus («The Birthday Party»), dann zaubern sie plötzlich einen Gospel-Chor aus dem Hut («Nothing Revealed/Everything Denied»). Das sechsminütige «Having No Head» steigert sich vom Ambient-Instrumental zur House-Party, «If You’re Too Shy (Let Me Know)» mischt Synthies und Gitarren mit einem Saxophon-Solo wie aus «Dirty Dancing» und mit «Don’t Worry» ist sogar ein Stück von Healys Vater vertreten.

Experimente & Seelenstriptease

Dazwischen ist viel Raum für Inderludes und Experimente – und für tiefe Einblicke in Healys Seele. In dem elektronisch geprägten «Frail State Of Mind» singt der 31-Jährige von Ängsten und Unsicherheit, «Roadkill» drückt die Erschöpfung des ständigen auf Tour seins. Healy widmet sich aber auch globalen Themen und fängt das Lebensgefühl der Generation Y damit perfekt ein. Zum Beispiel, wenn er in «Jesus Christ 2005 God Bless America» im Duett mit Phoebe Bridgers von zwei Teenagern erzählt, die ihren Glauben und ihre Homosexualität nicht vereinbaren können.

Punk-Rock-Greta

Und auch in Sachen Klimawandel finden The 1975 deutliche Worte: Wie jedes Album der Band beginnt auch «Notes On A Conditional Form» mit einem Song namens «The 1975». Das Spoken-Word-Stück enthält Passagen einer Rede von Klimaaktivistin Greta Thunberg. «Es ist jetzt Zeit für zivilen Ungehorsam. Es ist Zeit, zu rebellieren», heisst es darin, bevor Healy anschliessend in dem wütenden Emo-Punk-Stück «People» brüllt: «Stop fucking with the kids!» «Greta zu treffen war super inspirierend“» sagt er. «Sie trägt so viel Wut und Überzeugung in sich und man hat das Gefühl, das einzige, das ihr etwas bedeutet, ist diese Aufgabe, der sie sich angenommen hat, nämlich die verdammte Welt zu retten. Von allen Menschen, die ich je getroffen habe, ist sie mit Abstand am meisten Punk Rock.»

Die biologisch abbaubare Band

Auch The 1975 engagieren sich längst in Sachen Umweltschutz. Ihr Merchandise ist nachhaltig, pro verkauftem Konzertticket spenden sie ein Pfund an die Non-Profit-Organisation «One Tree Planted» und ihre Show in London im Sommer 2021 soll mit Hilfe von Pflanzenöl und mit Sonnenenergie betriebenen Generatoren umgesetzt werden. Man könnte sie als Pop-Band mit Gewissen bezeichnen – oder haben sie einfach eine gute Marketing-Abteilung? «Wenn das Marketing ist, dann ist es hart an der Grenze», lacht Healy. «Als wir den Song mit Greta veröffentlicht haben, bekamen wir so viele Hassnachrichten von irgendwelchen Rechten. Aber das Ding ist: Die Künstler, mit denen ich als Jugendlicher aufgewachsen bin, haben mir damals mehr als irgendwelche Politiker gezeigt, wie man leben sollte. Sie waren richtige Künstler, die ihre Zeit dokumentierten. Musik kann eine tolle Form des Eskapismus sein – aber ich kann nicht einfach dasitzen und ausblenden, was in der Welt los ist.»