The Flaming Lips im Interview: «Legalize all drugs right now!»


Mit The Fearless Freaks hat Wayne Coyne seine Karriere als seltsamer Mastermind begonnen. Aus der Kindergang in Oklahoma City wurden später The Flaming Lips, die nun bereits seit über drei Dekaden dafür zuständig sind, die Weirdness der Musik aufrechtzuerhalten. Wir haben uns mit dem Frontmann über das neue Album «Oczy Mlody», den neuen US-Präsidenten Donald Trump und neue Musik mit ##### ##### unterhalten.


Wayne, der Name eures neuen Albums «Oczy Mlody» ist polnisch für «Die jungen Augen». Warum gerade polnisch?
Um ehrlich zu sein, es hat gar nichts mit der Sprache oder der Bedeutung zu tun. Ich habe einfach mal in einem alten Buchladen dieses Buch namens «Oczy Mlody» entdeckt und die Worte haben mir gut gefallen. Ich habe keine Ahnung, worum es in diesem Buch geht; es könnte sein, dass es die grösste polnische Literaturerrungenschaft ist. Oder es ist auch Schrott, was weiss ich. Jedenfalls gefiel mir, wie die Worte aussehen und der Rest der Band sah das genauso. Dass Oczy Mlody auch noch eine gute Bedeutung hat, war dann eigentlich nur das Sahnehäubchen.

Ist euch aufgefallen, dass es auch ein bisschen so aussieht wie ein Anagram für «cozy melody»? Was auch irgendwie passt, wenn man sich eure Platte einmal angehört hat.
Weisst du was, ich hab das so noch nie gesehen. Aber jetzt wo du’s sagst, fällt es mir auch auf. Ich werde diesen Albumtitel wohl jetzt nie wieder anders lesen können, herzlichen Dank auch (lacht).

Also, jetzt haben wir zur Genüge über den Namen des Albums getratscht. Wie würdest du denn den Inhalt in deinen Worten beschreiben?
Teil unseres Kampfes ist es immer, aus dieser Routine wie wir Musik machen auszubrechen. Das wird einfach langweilig mit der Zeit. Es ist eine Schlacht zwischen dem Handwerker und dem Künstler. Wir fühlen uns sehr zu den einfachen, emotionsgeladenen und auch melancholischen Melodien hingezogen. Aber diese ewig gleichen Arten, solche Songs zu schreiben, langweilen uns oft. Wenn wir Glück haben, stolpern wir ab und an über neue Wege, so einen Track hinzukriegen. Ich meine, denk an «Somewhere Over The Rainbow», das ist nicht einfach ein Song, das ist mehr ein Gefühl. Dieser Song drückt so viele Emotionen gleichzeitig aus, dass es komplett gleichgültig wird, wie die Melodie klingt oder wie der Text aufgebaut ist. Es geht nur darum, was dieser Song mit dir macht, in welche Stimmung er dich bringt. Solche Songs sind pures Gold und wir streben immer danach, so ein «Somewhere Over The Rainbow» hinzukriegen. Das klappt natürlich nicht immer (lacht). Bei «Castle» (einer der Songs auf dem neuen Album, Anm.d.Red.) war es beispielsweise so, dass wir diesen sehr einfachen und klobigen Track aufgenommen haben und überrascht waren, wie viele Emotionen und Gedanken wir trotzdem hineininterpretieren konnten. Das war mehr ein Unfall, um ehrlich zu sein. Manchmal kam es auch vor, dass wir eine Art Hip-Hop-Ballade hingekriegt haben, auf die wir dann unsere traurigen Kinderlieder drüber gelegt hatten, und siehe da, ein Flaming-Lips-Song ward geboren (lacht).

Im Song «How» singst du «legalize all drugs right now». Wir wissen ja, dass du gerne kiffst, aber willst du wirklich, dass alle Drogen legal werden? Es gibt ja doch die eine oder andere Substanz, die nicht gerade gesund ist …
Absolut! Ich würde niemals alle Drogen legalisieren, vor allem nicht Heroin oder Crystal Meth. Und auch einige der bereits legalen Schmerzmittel gehören eigentlich verboten, weil sie so schnell abhängig machen. Bei «How» muss man das so sehen: Der Text in diesem Song ist nicht wirklich ernst zu nehmen. Es sind mehr Keywords, die das Hirn wieder aufmerksam machen sollen. Schlagwörter, die auseinander gerissen zwar so klingen, als wären es ernstgemeinte Statements, aber zusammengefügt ergibt eigentlich nichts wirklich Sinn. Ich habe mir mit diesem Song aber ziemlich schwergetan, um ehrlich zu sein. Keiner der Texte wollte passen, alles war zu vorhersehbar. In einer der Vocal Sessions hab ich dann einfach mal alle möglichen idiotischen Dinge ins Mikro gesungen, die mir gerade einfielen. Es sind vor allem trashige, aber auch ein bisschen wahre Aussagen, die so entstanden sind.

Du hast wahrscheinlich schon die Schnauze voll davon, die Politik deines Landes zu diskutieren. Aber du lebst in Oklahoma, einem Staat, der mit überwältigender Mehrheit für Donald Trump als neuer US-Präsident gestimmt hat. Oklahoma liegt ausserdem im sogenannten Bible Belt, du bist aber Atheist. Machst du dir Sorgen für die Zukunft, jetzt wo die Regierung praktisch nur aus christlichen Republikanern besteht?
Ich verstehe die Ängste der Bevölkerung gut, allerdings finde ich es auch ein wenig voreilig, jetzt schon den Teufel an die Wand zu malen. Ich bezweifle wirklich, dass Trump all die furchtbaren Dinge wahrmachen wird, die er in seinem Wahlprogramm angekündigt hat. Falls er es tatsächlich versuchen wird, würde er so gegen so viele Wände laufen, dass er entweder versagt oder einfach seine Meinung ändert. Ich meine, so viele Regierungsmitglieder und Bürgermeister haben bereits öffentlich gesagt, dass sie sich weigern werden, Leute aus dem Land zu werfen, wenn sie es für unnötig befinden. Weisst du, es gibt ja schon lange Gesetze in diese Richtung. Meine mexikanischen Nachbarn links und rechts von mir in Oklahoma City sind aber immer noch da. Was Leute sagen und was sie im Endeffekt tun, sind zwei verschiedene Sachen. Und dann gibt es natürlich immer noch die Möglichkeit, etwas an einer Situation zu ändern, in dem man dafür kämpft. Und das tun die Leute ja jetzt auch.

Also gut, genug Politik. Auf zum nächsten Thema, dass dir vielleicht nicht so ganz gefallen wird. Ihr habt mit ##### ##### ein Album aufgenommen, du hast auch Songs für Ke$ha geschrieben – vielen eurer Fans der ersten Stunde ist das etwas sauer aufgestossen. Sie bezeichnen euch auf euren Social Media Profilen oftmals als «Sellout» oder als mediengeil. Was sagst du dazu?
Jeder hat das Recht auf eine Meinung. Allerdings sind diese Argumente auch ein bisschen aus der Luft gegriffen. Ich meine, «##### ##### & Her Dead Petz» ist jetzt nicht gerade die Goldgrube schlechthin. Es ist nicht im geringsten mainstreamtauglich. Man kann also nicht wirklich von einem Sellout sprechen. Ich glaube viele dieser Leute denken, wir würden gerne von Mileys Berühmtheit profitieren, dabei profitiert Miley ja eigentlich von uns. Sie wusste ja vor diesem Album gar nicht, wie Musik schreiben richtig geht, ohne dass einem ständig ein Produzent reinredet und andere Versionen des gleichen Songs zurückschickt. Sie sagte oft zu mir «Wayne, du weisst wie das funktioniert, zeig es mir», und das haben wir mit dem Album versucht. Miley ist so ein wunderbarer Mensch mit so grossem Talent und dieser unglaublich fantastischen Stimme – ich bin ehrlich gesagt froh, wenn wir mit ihr assoziiert werden. Wir alle haben sie gern um uns herum. Und ich kann dir auch verraten, dass es mehr gemeinsame Musik mit Miley und The Flaming Lips geben wird. Wir sind schon dran, neue Musik mit ihr zu kreieren, ich bin selbst gespannt, was dabei rauskommt.

Die Platte «Oczy Mlody» ist ab jetzt zu haben, zum Review geht’s hier

Live: 31.1.17. Volkshaus (Zürich). Wir verlosen 2 x 2 Tickets für das Konzert. Hier geht’s zur Verlosung.