Thundercat: Ein besonderes Alien


Thundercat

Für manche mag er ein wunderlicher Exzentriker sein – aber im Kreis seiner nicht minder expressiven und genialen Künstlerkumpels, blüht er zum Musikgott auf. Und dann hat auch noch den dicksten E-Bass weit und breit. Thundercat und sein Soundkosmos sind der beste Trip, den man sich einwerfen kann.


von Christian K. L. Fischer

Thundercat liebt Louis Cole und wir lieben beide. Und wenn beide auf einem gemeinsamen Feature-Track namens «I Love Louis Cole» auf dem dritten des neuen Thundercat-Albums klar machen, wie sie zueinander stehen, hat man auf diese Weise auch gleich den wunderbaren Humor des Sängers, Songwriters und Bassisten kennengelernt. Denn nur weil man ein Meister seines Fachs und Instrumentes ist, nur weil man zusammen mit anderen Meistern wie Kendrick Lamar (auf «To Pimp A Butterfly») oder mit Flying Lotus gearbeitet hat, mit dem Jazzerneuerer Kamasi Washington auf «The Epic» eben Epochales erschuf oder bei Childish «This Is America» Gambino aushalf (und übrigens auch mal Mitglied der legendären Metal-Thrasher Suicidal Tendencies gewesen ist), heisst das nicht, dass man das alles zu ernst nehmen muss – auch wenn Thundercat das lange Jahre tat. Die Musik nimmt er natürlich sowieso nicht auf die leichte Schulter – es ist ja kein Zufall, dass Thundercat auf fast jedem entscheidenden und definierenden Album der Black Music der letzten Dekade seinen Anteil hatte – aber das ganze Drumherum, das alles wird jetzt lockerer angegangen. Und aus dieser Einstellung kann ein Thundercat mit all seinen brillanten Freunden dann auch auf seinem vierten Album «It Is What It Is» einen psychedelischen Kosmos aus Funk, Jazz, Hip-Hop-Grooves, sweeten Pop- und Soul-Melodien, Yard-Rock und AOR-Einflüssen und Gott-weiss-was-sonst-noch-alles kreieren. Ein magischer Kessel voll der besten Zutaten.

Freundlicher Nachfolger

«It Is What It Is» erscheint natürlich wieder auf Brainfeeder, dem Label von Kumpel Flying Lotus, der das Ganze zusammen mit Thundercat erneut produziert hat. Und auch sonst hat Thundercat sich diverse Freunde eingeladen, um mit ihnen die Fantasie und Freiheit der Musik zu feiern – mal verträumt, manchmal fast verpeilt, irgendwo zwischen bedeutungsschwer und reinem Spass. Stephen Lee Bruner, wie der Gute bürgerlich gerufen wird, scheint weiterhin vor Ideen nur so zu platzen. Denn schon wie beim Vorgänger «Drunk» sind alle Tracks kaum mehr als vier Minuten lang, als hätte er vor Überfluss kaum Zeit, sich länger um sie zu kümmern. Diese Songs sind perfekt ausgearbeitet und gleichzeitig komprimiert. Was fast schrecklich ist, denn bei den meisten würde man sich locker noch zwei, drei Minuten mehr wünschen, man will doch sehen, wohin sich dieser Überfluss noch entwickeln könnte. Aber alles ist immer schneller vorbei, als man denken kann und so zwingt Thundercat einen dazu, ganz genau hinzuhören. Einfach, weil man weiss, dass man sonst etwas verpasst – einen besonderen Lick, einen Melodiewechsel, irgendetwas, das einen noch einen weiteren Schauder durchs Ruckgrat jagen würde, wenn man denn nur aufmerksam genug wäre. Anderseits: So belohnt man seine Fans. Auch weil «It Is What It Is» leichter und freundlicher als «Drunk» geworden ist, dass immer den Eindruck erweckte, einen eigentlich in die Waden beissen zu wollen.

Es ist wie es ist – verdammt gut

Das neue Album handelt wieder von den grossen Dingen. Von Liebe, Verlust und dem Leben mit allen Höhen und Tiefen – oder wie Thundercat es beschreibt: «Es ist ein bisschen ironisch, aber an verschiedenen Punkten im Leben stösst man auf Orte, die man nicht unbedingt versteht … manche Dinge sind einfach nicht dafür gemacht, verstanden zu werden.» Den Satz kann man genauso dann auch auf seine Musik anwenden. Denn nachzuvollziehen, wie diese abgespacten Tunes entwickelt wurden, scheint wie eine freiwillige Einwilligung zur Zwangseinweisung zu sein – aber die Schönheit einfach zu fühlen und sich drin zu versenken, sollte risikolos sein, wenn nicht gar eine Therapie. Dabei geht es hier auch um die Schönheit des Schmerzes, denn Thundercat setzt sich auf der Platte auch mit dem Tod seines guten Freundes Mac Miller auseinander. Doch auch da stellt sich keine abgründige Schwere ein – was man nicht oft genug betonen kann –, wenn man an frühere Alben von ihm wie «Apocalypse» denkt, Musik, die sich mit der Kürze des Lebens und dem Fakt des Todes Auge in Auge auseinandersetzte. Was auch immer der Grund ist, Thundercat scheint – egal wie die Welt um ihn herum ist – in einer besseren Stimmung zu sein. Oder er hat gelernt, besser mit der Welt und sich selbst umzugehen. Diese Leichtigkeit tut ihm anscheinend gut – der Musik sowieso. «Es ist wie es ist» ist ja auch kein so schlechtes Mantra, um durch das Leben zu kommen.

Vielleicht liegt es ja auch an neuen Einflüssen, wie eben dem des Sonnenscheins Louis Cole, dessen manisch exzessives Schlagzeug auf «I Love Louis Cole» gar nichts anderes zulässt als pure Lebenslust. Irgendwie wirkte Thundercat auch in seinen dunkelsten Phasen als wäre er in den Siebzigern mit dem gleichen UFO gelandet, das auch George Clinton zu uns gebracht hat. Er ist ein besonderes Alien. Und wir lieben ihn dafür.

«It Is What It Is» erscheint am 3. April