Tim Freitag: «Unser Monster braucht Liebe»


Tim Freitag

Neun Jahre liessen Tim Freitag auf ihr Debütalbum «Monsters Forever» warten – und es hat sich gelohnt. Die Indie-Band liefert seit 2011 Klänge aus Zürich und hat mit uns unter anderem über ihren Gig beim RCKSTR-Weihnachtsessen und Unterhosen-Merch gesprochen.


von Loris Gregorio

Kaum eine Schweizer Band hat so lange auf ihr Debütalbum warten lassen und wir sind Tim Freitag nicht mal böse deswegen. Auch das RCKSTR kann hoffentlich auf eine glückliche Zukunft mit der Gruppe aus Zürich hoffen, denn mit uns hat die Band schon einiges mitgemacht.

Als sich die heiligen Hallen unserer Redaktion noch in der Nähe von einem Designer-Urnen-Laden befanden, hatte Frontmann Janick Pfenninger mit seiner damaligen Gruppe régime spécial dessen Jubiläums-Gäste bespielt. Kurz darauf durften sie auch an einem Weihnachtsfest von uns spielen. Der Sänger erinnert sich noch daran: «Das ist zwar ein bisschen ausgeartet, war aber sehr lustig.» (Die Fotos von diesem Abend liegen noch immer unter Verschluss und tragen die Geheimhaltungsmarke O wie «Oh my shit!», Anm. d. Red.)

«Das war auch die Zeit, als ich mit meinen 17 Jahren das Gefühl hatte, dass ich bald Rockstar und mega berühmt bin», so Janick. «Es hat dann aber sehr lange gedauert, bis wir das erste Album draussen hatten.» Nämlich neun lange Jahre bis «Monsters Forever» auf den Markt kam und wir verzeihen es ihnen schon nach dem ersten Hören der Platte.

Doch auch Tim Freitag sind von der Corona-Krise betroffen: «Leider müssen wir nun bis Anfang Juni auf die Plattentaufe warten.» Diese war ursprünglich ebenfalls Mitte März geplant. Und wie überstehen die Musiker die Quarantäne-Zeit? Es ist für sie wie auch für viele andere «ein verdammter Scheiss, der gerade abgeht», sagt Janick. Die restlichen Tour-Daten auf den Herbst zu verschieben, sei in dieser Situation aber die einzig logische Schlussfolgerung gewesen.

Bis auf die Unterhosen

Die Musik haben Tim Freitag auch in Isolation nicht auf Eis gelegt. Denn die Band schreibt ihre Songs teilweise auch digital, wie Janick erzählt: «Wir haben das auch früher gemacht – als ich 2017 in New York war – haben wir Sessions hin und her geschickt. Drummer Lorenzo Demenga, Gitarrist Nicolas Rüttimann und Bassist Severin Graf haben mir Musik-Ideen zugeschickt und ich habe dann Melodien geschrieben und am Arrangement weitergearbeitet. So ist zum Beispiel auch ‹By Your Side› entstanden. .» Können wir uns nach dieser Zeit also gleich auf das nächste Album der Zürcher freuen? «Es ist tatsächlich schon relativ klar, dass im Herbst oder Winter die nächste Single rauskommt», verrät der Frontmann.

Tim Freitag hat momentan aber auch andere Engpässe. Die Gelder, um ein neues Album zu finanzieren, macht die Band in der Regel über den Merch-Verkauf an Konzerten. Nun müssen sie aufs Online-Geschäft hoffen: «Wir sind glücklicherweise die Band mit dem wahrscheinlich grössten Merch-Angebot.» In ihrem Repertoire finden sich auch Unterhosen – für die Frauen momentan mit der Aufschrift des Songs «Hold On». Für die Männerunterhosen müssen sie sich noch etwas einfallen lassen: «‹A Kiss, A Bang & It’s Over› wäre noch gut auf so einem Höschen», denkt Janick.

Die Fans von Tim Freitag können trotzdem beruhigt sein: «Um uns bleibt es auch während der Quarantäne nicht ganz ruhig. Wir haben bereits Videoclips zu unseren Songs produziert, die wir laufend veröffentlichen werden.» Ein Video pro Song sei schon immer das Konzept von Tim Freitag gewesen. «Unser Filmemacher Achille Lietha bringt seine Ideen so ein, dass sich nochmals völlig andere Dimensionen öffnen. Ähnlich ist es bei den Remixes, damit können wir Alternativen von unseren Songs produzieren», so Janick.

Monster International

Tim Freitag machen ihre Musik also digital und erzählen die Storys zu ihren Songs nochmals in einem Video. Wie sieht es mit Radio aus? «Es ist immer noch ein wichtiges Medium und wir sind dankbar, dass uns Radiosender unterstützen», so Janick. Noch vor dem Release ihres neuen Albums wurden sie zum SRF 3 Best Talent im März gekürt. Vom SRF 3 erhielten die Zürcher dann auch Corona-bedingt Konzert-Asyl und konnte ihre Platte «Monsters Forever» im Radiostudio taufen. Sie schauen aber bereits positiv in die Zukunft: «Dennoch freuen wir uns auf verschobene Plattentaufe am 7.6. im ältesten und schönsten Club von Zürich, dem Kaufleuten.»

Der Sänger betont allerdings auch: «Man sollte nicht in erster Linie versuchen, den Radiostationen zu gefallen.» Und für wen machen Tim Freitag dann Musik? «Für uns. Wenn Musiker das machen, was sie selbst berührt, haben sie die grösste Chance, auch andere Menschen zu bewegen.»

Quarantäne und Isolation bringen jetzt gerade wieder schwierige Zeiten. Darum haben wir bei Tim Freitag nachgefragt, was bisher die schwierigste Phase ihrer Karriere war: «Ganz klar die vierjährige Konzert-Pause. Ich pendelte 2014 – 2017 zwischen New York, Portugal und Berlin hin und her. Konzerte mit der Band waren deshalb unmöglich. Als ich wieder zurück nach Zürich kam, reichte ein Bier mit den Jungs und ein Telefonat mit einem Club. Drei Wochen später spielten wir im La Catrina unser Reunion-Konzert. Daran zeigt sich auch, dass wir nicht nur ein Zweckverband von Musikern, sondern Freunde sind, die auch nach einer Funkstille leicht zusammenfinden um zusammen das schönste auf der Welt zu machen: Musik»

Mit ihrem ersten Album schmiedet die Band auch schon Pläne, um weitere Bühnen zu erobern. Davon ist auch Frontmann Janick überzeugt: «Ich denke, Tim Freitag funktioniert nicht nur in der Schweiz.» Die Band plante auch schon eine Deutschland-Tour. Wäre da nicht dieses Corona dazwischengekommen. Sie sind aber zuversichtlich, dass es dennoch klappt: «Momentan hat die Schweiz Priorität und diese Shows sind nun im Herbst geplant. Aber wir können langsam mit dem Gedanken spielen, im Ausland aufzutreten. Unser Monster braucht Liebe, auch aus dem Ausland.»