Yungblud – Meinungsmacher


Weltfremde Politiker, Gentrifizierungund sexuelle Belästigung – Dominic Harrison alias Yungblud thematisiert in seinen Songs all das, was ihm gegen den Strich geht. Nun erscheint sein Debütalbum «21st Century Liability».


Deine Konzerte sind ein ziemlich intensives Erlebnis, weil du vor Energie nur so sprühst. Ist die Bühne der Ort, an dem du all deine Emotionen loswerden kannst?
Absolut. Ich hatte schon immer eine Menge Energie und war eigensinnig. Als Kind hatte ich ADHSund war der Junge, mit dem keiner spielten sollte, weil man mich für einen schlechten Einfluss hielt. Ich fühlte mich damals missverstanden, denn in Wirklichkeit wollte ich mich nur ausdrücken. Auf der Bühne zu stehen, ist für mich der beste Teil des Tages, denn dort kann ich zu 100 Prozent ich selbst sein und all meiner Wut, meiner Freude und meinen Emotionen freien Lauf lassen, ohne dass man mich anguckt, als sei ich verrückt.

Wie bist du zur Musik gekommen?
Mein Vater besaß ein Geschäft für Gitarren, in dem ich praktisch aufgewachsen bin. Ich freute mich als Kind immer auf Samstag, weil ich da den ganzen Tag im Laden verbringen und Musik hören konnte. Was mich reizte, war die Art und Weise, wie Akkorde funktionieren, wie ich dazu singen und eine Geschichte erzählen kann. Mich haben Künstler wie The Clash, die Arctic Monkeys oder Eminem inspiriert, in deren Texten es um fundamentale Dinge geht. Mit 16 zog ich dann alleine nach London, weil ich selbst Rockstar werden wollte.

Sieht ja aus, als würde der Plan ganz gut aufgehen.
Ich muss sagen, dass ich mich in London anfangs sehr verloren fühlte. Ich schrieb Songs, von denen ich annahm, dass ich damit ins Radio komme. Ich dachte ich singe ein bisschen über die Liebe, mein Lächeln ist auch ganz okay – dann klappt das schon, so wie bei Justin Bieber oder Shawn Mendes. Als ich Matti Schwarz, mit dem ich nun auch an meinem Album gearbeitet habe, die ersten Songs vorspielte, meinte er nur: «Das ist scheiße. Komm zurück, wenn du weißt, wer du bist.» Er hatte recht: Ich stand für nichts. Ich ging nach Hause und schrieb Songs darüber, was mir wirklich am Herzen liegt, und schlug erst wieder bei ihm auf, als ich den Text zu «King Charles» fertig hatte.

In dem Song singst du davon, dass die Politik die Jugend vernachlässigt und es dir Angst macht, unter 21 zu sein. Warum?
Brexit war für mich die erste Gelegenheit zur Wahl zu gehen. Meine Freunde und ich haben uns gefreut, dass wir endlich die Chance hatten, die Zukunft mitzugestalten. Natürlich haben wir für den Verbleib Englands in der EU gestimmt, so wie die meisten jungen Leute, aber die alten Wähler haben uns überstimmt. Ich war so wütend, dass ich geweint habe. Aber es geht nicht nur mir so. Überall, wo ich auf Tour bin, sind die jungen Leute wütend, weil die ältere Generation ihnen die Zukunft raubt. Sie treffen Entscheidungen, deren Konsequenzen sie nicht mehr erleben und wir jungen Menschen irgendwann ausbaden müssen.

In «Polygraph Eyes» derweil geht es um sexuellen Missbrauch – dein Statement zur #MeToo-Bewegung?
Ich habe den Song für meine Mutter, meine Tante und meine zwei jüngeren Schwestern geschrieben. Im Norden Englands, wo ich aufgewachsen bin, habe ich so etwas oft beobachtet: Betrunkene Mädchen stolperten aus einem Nachtclub und stiegen bei älteren Jungs ins Auto, die nicht annähernd so betrunken waren. Wir müssen solche Probleme ansprechen, damit sie obsolet werden! Ich finde es beeindruckend, dass jetzt so viele Frauen an die Öffentlichkeit kommen und wollte aus der Sicht eines Mannes etwas beitragen.

Eine bewegende Geschichte steckt auch hinter «I love you, will you marry me?». Erzählst du sie uns?
Der Song basiert auf einer wahren Geschichte. In Sheffield, 45 Minuten von meinem Heimatort entfernt, gibt es eine große Sozialbausiedlung. Sie besteht aus fünf Turmgebäuden, die durch Brücken verbunden sind. Eines Tages seilte sich ein junger Mann namens Jason von einer dieser Brücken ab und sprühte den Satz «I love you, will you marry me?» an die Wand. Leider nahm die Geschichte keinen guten Lauf: Die Frau starb an Krebs und der Mann ist inzwischen obdachlos. Derweil sanierte eine Immobilienfirma die Häuser, brachte über dem Graffiti Neonlichter an und nutze es als Werbung. Dem Mann gab niemand auch nur einen Cent.

Hast du ihn mal getroffen?
Noch nicht, aber ich werde ihn ausfindig machen und Geld von dem Song geben. Das könnt ihr gerne drucken. Wenn ich Geschichten wie diese höre, ist da dieses Ticken in meinem Kopf und ich muss mir das von der Seele schreiben.

Kommen Inhalte im Pop heutzutage zu kurz?
Ganz ehrlich: Wenn ich noch einmal «bitch get down» oder «I love you so much» höre, drehe ich durch! Politik war nie relevanter und wir haben Zugang zu so vielen Informationen – ich kann einfach nicht glauben, dass im Mainstream-Pop niemand darüber spricht, was in der Welt los ist. Da ist so viel Zerstörung und Gewalt. Die Politik gibt eine Menge Geld aus, um unseren Planeten zu kaputt zu machen, aber ich kann in England nicht umsonst zur Uni gehen. Wir werfen Bomben auf unschuldige Menschen, aber in Amerika ist die Krankenversicherung nicht umsonst. Wo bitte sind unsere Prioritäten?

Willst du die Leute mit deinen Songs wachrütteln?
Ich will niemandem etwas vorschreiben, denn das steht mir nicht zu – aber ich will die Leute ermutigen, selbst ihre Meinung zu sagen. Jeder kann aussprechen, was er denkt. Und wenn genug Menschen den Mund aufmachen, kann man uns nicht mehr ignorieren!


Wutmucke: YUNGBLUD – «21st Century Liability»
Das Debütalbum von Dominic Harrison alias Yungblud ist so aufgedreht wie er selbst. Zu Punk, HipHop, Garage und Rock singt und rappt der 19-Jährige Brite mit breitem Akzent über all das, was ihn wütend macht. Sexuellen Missbrauch greift er genauso auf wie die Waffengesetze in den USA. Ein aufregendes und erfrischend wütendes Album, dass zur richtigen Zeit erscheint.

Wertung: 8/10
Für Fans von: Jamie T, The Streets, Arctic Monkeys

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