Zeal & Ardor – Ein Opfer der Musik


Was zum Teufel, Ein Basler macht Satansmusik von der Baumwollplantage zur Blütezeit des Sklavenhandels? Zeal & Ardor waren samt ihrem experimentellen Konzept, der ersten Platte „Devil is fine“ und einer bombastischen Bühnenpräsenz das heisseste Eisen im Fegefeuer des vergangenen Metal-Sommers. Und bereits schiebt Mastermind Manuel Gagneux das zweite Album nach. Zu diesem Zweck gönnt er RCKSTR eine Audienz. Zum zweiten Mal…


Manu, vor gut einem Jahr sassen wir in Zürich bei einer Tasse Kaffee – kurz vor dem offiziellen Release des umjubelten Debütalbums. Wie hat sich dein Leben seitdem verändert?
Grundsätzlich, mal abgesehen von all dem Rumgereise zu unseren Shows, sieht mein Alltag ganz ähnlich aus wie zuvor. Viel Zeit verbrate ich allein in meinem Keller, wo ich an neuem Sound rumtüftle, das läuft ziemlich famefrei ab. Und auf der Strasse – klar, in Basel kennen mich jetzt ein paar Leute mehr, aber die rennen mir ja nicht wie Paparazzi mit der Kamera hinterher.

Frankreich, UK, Benelux, Zeal & Ardor sind ganz schön international rumgekommen. Schweizer Bands betonen ja sehr gern, wenn sie im Ausland gespielt haben. Ist es denn dort echt viel glamouröser als daheim, oder steckt dahinter eher ein helvetischer Kulturkomplex?
Schon recht sensationell, wenn du Prophets of Rage in Luxemburg supporten darfst. Anderseits, wenig Schlaf und zweimal acht Stunden Autofahren und morgens um fünf aufstehen – weher weniger…

Bei einer so gewaltigen Live-Kiste wie Zeal & Ardor bestimmt auch eine logistische Herausforderung.
Ein Albtraum, und finanziell erst. Unser Tross umfasst 10 Leute, die brauchen Flug, Bahn, Hotel… Ab und zu haben sie sogar Hunger. Ich bin inzwischen Connaisseur für Autobahnraststätten. Die Deutschen machen geile Sandwiches. In Frankreich sind die belegten Brote grässlich, dafür haben sie dort leckeres Ratatouille.

Nun stehen Prestige-Shows an Top-Adressen im Kalender, in Wacken, am Primavera oder in der Pariser Cigale…
Shit, da krieg ich schon etwas weiche Knie. Gleichzeitig freue ich mich. Wenn du an einem Festival mit Nick Cave oder Björk spielst, dann kannst du ja auch deren Shows sehen. Ich bin weiterhin ein riesiger Fan, genau genommen sogar ein Opfer der Musik.

Was macht der eigene Erfolg mit dem Selbstvertrauen?
Mir ist bewusst, dass wir jeden Moment abkacken können. Wichtig ist mir, es trotzdem zu versuchen. Ich fühle mich weder als Gott noch als Egomane. Glaube ich zumindest, denn Arroganz fällt wohl vor allem den Mitmenschen auf. Insofern zähle ich darauf, dass meine Freunde mich auf den Boden zurückholen würden, falls ich abhebe.

Mit der Dynamik, dem Gekreische und Gedonnere verlangt „Stranger Fruit“ auf der Bühne athletische Höchstleistungen.
Wir stecken in den Proben, durchaus sehr anstrengend. Wer weiss, vielleicht habe ich mich mit dem Baby diesmal wirklich übernommen. Aber hey, man muss es probieren!

Monstertour, bereits ein zweiter Longplayer, das riecht tatsächlich nach Burnout. Wie lange willst oder kannst du diese One-Man-Show noch allein stemmen?
Begonnen habe ich das Ganze als Experiment, immer mit einem Schmunzeln. Das hilft, es entspannter anzugehen. Ein Hype geht manchmal schnell vorbei. Aber klar, ich trage eine gewisse Verantwortung den Leuten gegenüber, die mit drin hängen, den Live-Musikern, dem PR-Team… Inzwischen sind gegen 50 Leute beteiligt, mit denen ich mich allerdings sehr wohl fühle und zu denen ich allesamt persönlichen Kontakt pflege.

Du hättest dich Monate zurückgezogen fürs Songwriting, behauptet das Infosheet. Wann denn zum Henker?
Zugegeben, nicht am Stück. Ausser Januar und Februar, da war ich hauptsächlich in Österreich beim Produzenten. Ich dachte schon, boah, voll das Upgrade, der hat sein eigenes Studio! Und dann ist das in seinem Keller, genau wie bei mir. Immerhin besitzt er mehr Equipment als ich mit Laptop und Lautsprechern. Und natürlich ein viel breiteres Knowhow!

Stichwort Laptop, wie wichtig ist das Internet für ein derartiges Vorhaben?
Das Internet hat alles ermöglicht und losgetreten, nämlich mit meinen Recherchen zu Satanismus, Sklavenhandel… Später fanden die fertigen Songs von „Devil is fine“ über Online-Plattformen zu ihrem Publikum. Nur für den kreativen Prozess, da bleibt das Handy draussen.

Gospel und Metal – stilistisch folgt „Stranger Fruit“ dem Rezept des Vorgängers. Hast du das Projekt bereits in eine stilistische Sackgasse gefahren?
Das Grundthema ist dasselbe, einverstanden. Anderseits bin ich überzeugt, dass dieses Konzept noch nicht erschöpft ist, da besteht durchaus noch Spielraum. Zu einem zweiten AC/DC werden wir garantiert nie. Schon jetzt arbeite ich parallel stets an anderen Dingen, an Film- und Theatermusik, sogar an einer Pop-Kiste. Zeal & Ardor sind für mich ein junges Projekt, sobald ich mich dabei langweile, begrabe ich es und konzentriere mich wieder auf etwas anderes. Oder ich schreibe einen Michelin-Guide für Autobahnraststätten.


Donnergebretter und Satansgebrate: Zeal & Ardor – «Stranger Fruit»
Badam! Wie ein 28-minütiger Vorschlaghammer brätschte uns das Debüt in die Fresse. Donnergitarren, Kirchenlatein und Sklavenchöre, „Devil is fine“ war aufregend neu. Ist es jetzt natürlich nicht mehr. Z&A halten der Death-Gospel-Formel die Stange (das Kruzifix?), und fegen allfällige Langeweile trotzdem ins Jenseits: „Stranger Fruit“ gerät noch einen Schluck druckvoller und dynamischer, wieder stechen teuflisch eingängige Nummern heraus. Und die Fingerarbeit für die Fast-forward-Riffgewitter beeindruckt sogar den schreibenden Anti-Heavymetalisten.

Wertung: [Sterne7]
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