Als Greta Bruno hiess – Schweizer Blockbuster-Kino aus dem Dschungel Indonesiens


Was ein Basler im Lendenschurz so alles bewirken kann: Der diesjährige Eröffnungsfilm vom Zürcher Film Festival erinnert in spektakulären Bildern an das Wirken von Umweltschützer Bruno Manser.


Dass «Bruno Manser – Die Stimme des Dschungels» auch fast 20 Jahre nach der Verschollenheit des Aktivisten hochaktuell ist, mag eine gute Nachricht für die Filmemacher sein, nicht aber für unseren Planeten. Just als der Film am ZFF zum ersten Mal gezeigt wurde, loderten im Regenwald Brasiliens gewaltige Flächen – illegal in Brand gesteckt, von der rechtsradikalen Regierung Bolsonaros nur halbherzig verurteilt. Gleichzeitig tritt solchen Katastrophen inzwischen eine Jugendbewegung entgegen, die spätestens 2019 nicht mehr zu ignorieren ist und deren lauter Protest sich zuletzt auch an unseren Wahlurnen mit einem Siegeszug der grünen Parteien niedergeschlagen hat. Ist gegenwärtig Greta Thunberg das globale Symbol für diesen Kampf um mehr Umweltschutz, so war es vor 30 Jahren ein schlaksiger Naturbursche aus Basel mit John-Lennon-Optik.

Vom Aussteiger zum Aufwiegler

Dabei begann Bruno Mansers radikales Engagement für die indigenen Völker Malaysias und ihre natürliche Heimat eigentlich als sehr persönliche Selbstfindungsreise. 1984 zog der Höhlenforscher und Alpsenn in den Dschungel von Borneo aus, getrieben von der Sehnsucht nach einer ursprünglichen Lebensweise – so fernab von einer konsumgetriebenen Gesellschaft wie nur möglich. Tatsächlich wurde Manser vom nomadischen Penan-Volk aufgenommen und verbrachte die kommenden Jahre in ihrer Mitte, lernte Sprache und Kultur. Doch wovon er entfliehen wollte, holte Manser bald auch schon hier ein: Kapitalistische Mächte hatten sich längst daran gemacht, den Regenwald Borneos abzuroden und das begehrte Holz weltweit zu verkaufen. Meter um Meter wurde den Penan ihr Land zunichte gemacht und der Welt ihre grüne Lunge abgeschnürt. Aus dem friedliebenden Aussteiger wurde ein kämpferischer Aktivist – zunächst vor Ort und später, als die Regierung Malaysias ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt hatte, von der Schweiz aus.

Reise ohne Wiederkehr

Mit weltweiten Vorträgen und teilweise spektakulären Protestaktionen machte Manser die Welt auf das Schicksal der Penan aufmerksam und rückte die Bedrohung des Regenwalds in den Fokus der Presse und auf politische Agenden. 2000 kehrte er trotz Einreiseverbot nach Malaysia zurück mit der Absicht, sich den Penan wieder anzuschliessen. Doch der damals 46-Jährige verschwand spurlos im Dschungel, fünf Jahre später erklärte ihn das Basler Zivilgericht offiziell für verschollen. Ob Bruno Manser auf seiner Reise tödlich verunglückte oder Opfer seiner zahlreichen Gegner vor Ort wurde, ist bis heute nicht geklärt. Zurück liess der gelernte Ethnologe vielbeachtete Bücher wie «Stimmen aus dem Regenwald», aus denen jetzt auch der Spielfilm von Regisseur Niklaus Hilber seine Inspiration zieht.

Abenteuer Wildnis

Nicht weniger spektakulär als das Leben von Bruno Manser gerieten dabei auch die Dreharbeiten. Da der rebellische Auswanderer noch immer ein Dorn im Auge der Regierung Malaysias ist, musste das Team um Hilber die Kulisse in den Dschungel Indonesiens verlagern. Jedoch gelang es der Produktion unter anderem, tatsächliche Vertreter und Vertreterinnen der Penan als Nebenfiguren im Film einzubinden – wovon einige tatsächlich auch damals schon gemeinsam mit Bruno Manser an Strassenblockaden beteiligt waren. Mit der Rekrutierung indigener Völker stellt sich «Bruno Manser – Die Stimme des Dschungels» in die Tradition von ähnlichen Projekten wie «Fitzcarraldo», um dessen strapaziöse Herstellung sich bis heute manche Legenden ranken. So soll sich ein Teammitglied mit der Motorsäge den eigenen Fuss abgetrennt haben, nachdem ihn eine Giftschlange gebissen hatte. Zudem waren die ebenfalls extra für den Film eingespannten Indios derart von den Wutanfällen des Hauptdarstellers Klaus Kinski eingeschüchtert, dass sie Regisseur Werner Herzog dessen Ermordung unterbreitet haben sollen.

Blutsauger und Wasserfluten

Dermassen aus dem Ruder lief die Entstehung von Niklaus Hilbers Epos glücklicherweise nicht. Doch auch sein Team musste sich mit extremen Wetterbedingungen, Moskitos, Blutegeln und selbst dem indonesischen Geheimdienst herumplagen. «Wir haben ein Camp gebaut, mit Zelten, Duschen, einer Feldküche. Da waren wir während vier der insgesamt 13 Wochen des indonesischen Urwald-Drehs. Einmal hatten wir für drei Tage kein Wasser. Bei 80 Leuten und sechs Toiletten wird das schnell unangenehm. Auf der anderen Seite standen wir täglich über Stunden im Wasser, bis sich die Haut an den Fusssohlen auflöste und entzündete. Trotz dieser und anderen Unannehmlichkeiten hat die Crew aber eine grossartige Leistung vollbracht», berichtet der Fribourger Filmemacher rückblickend. Es ist eine Produktion, wie es sie in diesem Ausmass in der Schweizer Filmgeschichte wohl noch selten gegeben hat.

Der Kampf geht weiter

Ein Aufwand, der sich scheinbar gelohnt hat. Vor dem offiziellen Kinostart in der Schweiz zeigte Hilber – teilweise im Geheimen – den Penan-Gemeinden vor Ort das fertige Resultat. Noch immer kämpfen dort die Männer und Frauen um die Erhaltung ihres Lebensraums: «Der Film hat viele ermutigt. Man spürt einfach, wie Bruno Manser auch nach 30 Jahren immer noch im kollektiven Gedächtnis der Penan verhaftet ist», so Hilber. Auch hier dürfte die über zweieinhalbstündige Biografie des Baslers dessen Leben und Wirken wieder zurück in Erinnerung rufen – und ihn einer ganz neuen und jungen Generation vorstellen, die längst den Kampf für seine Sache aufgenommen hat.

Apocalypse Nau

Bruno Manser – Die Stimme des Dschungels

Von Niklaus Hilber

Mit Sven Schelker, Nick Kelesau, Elizabeth Ballang

Überwältigende Naturaufnahmen und ein perfekt besetzter Hauptdarsteller – Sven Schelker, der bereits in «Der Kreis» und «Goliath» brillierte – sind die  herausstechenden Glanzpunkte dieser ambitionierten Biografie eines getriebenen Mannes, der seinen Sehnsuchtsort findet und bis zum bitteren Ende darum kämpfen will. Dazwischen schleichen sich aber auch speziell im letzten Drittel der Spieldauer Spuren von Kitsch und Klischee straight outta Hollywood ein. Nichtsdestotrotz: Ein wuchtiges, wundersames Stück Schweizer Kino, das hoffentlich auch im Ausland Anklang findet. 

3/5 Sterne

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