And Then We Danced: Mit der Tradition auf Kriegsfuss


Stell dir vor du willst ins Kino – und wirst dafür verprügelt. In Georgien sorgte das Liebesdrama um zwei schwule Tanzschüler bei der Premiere für Gewaltausbrüche. Doch wie sein Hauptdarsteller im Film liess sich auch «And Then We Danced» nicht davon unterkriegen.


«Es ist absurd, dass Menschen, die Tickets gekauft haben, Mut aufbringen und riskieren müssen, belästigt oder sogar angegriffen zu werden, nur weil sie einen Film sehen wollen», postete Regisseur Levan Akin im vergangenen November vor dem georgischen Kinostart von «And Then We Danced» auf Instagram. Wenige Tage später wurden seine Befürchtungen wahr: Die innert kürzester Zeit ausverkauften Vorstellungen wurden von heftigen Demonstrationen begleitet, angeführt von der Orthodoxen Kirche des Landes sowie rechtsextremen Gruppierungen. Regenbogenflaggen wurden verbrannt, das Publikum teils tätlich angegriffen und mit Feuerwerkskörpern beschossen. Die Polizei schritt nur zögerlich ein, so wie sie es im vergangenen Juli bereits gehandhabt hatte, als im Land unter ähnlichen Szenen die erste Pride Parade abgehalten wurde.

Wütender Protest – triumphale Kritken

Die schwedisch-georgische Co-Produktion hat damit die Furcht und den Kampf der LGBTQ-Gemeinde im südkaukasischen Land nicht nur eindrucksvoll auf die Leinwand gebracht, sondern leider auch in die Realität der Strassen von Tiflis oder Batumi. Und somit aber gleich doppelt ein Zeichen gesetzt: Nicht nur wurden die Screenings trotz der Proteste durchgeführt, der Film erntete international ein grossartiges Echo. So gewann unter anderem Levan Gelbakhiani den Preis als bester Hauptdarsteller am Minsk International Film Festival von Weissrussland – sonst auch eine Nation mit grassierender Homophobie.

Liebe auf Zehenspitzen

Tatsächlich macht insbesondere das Spiel von Filmdebütant Gelbakhiani «And Then We Danced» zum Ereignis: Als junger Tanzschüler Merab hofft er, mit einem freigewordenen Platz im georgischen Nationalballett einen Weg aus seinem ärmlichen Umfeld und einer perspektivlosen Zukunft zu finden. Sein härtester Konkurrent um den Posten ist der talentierte Neuankömmling Irakli (Bachi Valishvili), zu dem sich zunächst eine Freundschaft und schliesslich Liebe entwickelt. Doch diese müssen die beiden Männer geheim halten: vor ihrer Klasse, Freunden und einer noch immer streng den Traditionen und konservativen Familienwerten ergebenen Gesellschaft.

Zärtlich, mutig – und ab jetzt im Kino

Neben den feinfühlig agierenden Darstellerinnen und Darstellern ist es insbesondere die rohe Poesie von Regisseur Akins Inszenierung, die einen faszinierenden und unverfälschten Einblick in eine Welt gewährt, die sich gleichermassen fremd und doch intim anfühlt. Ein zärtliches und mutiges Stück Kinokunst, das in eine Reihe mit Meisterwerken wie «Moonlight» oder «Call Me By Your Name» gestellt werden darf.