Joe und Fred und alles wird gut


A beautiful day in da hood

Ihre Shows sind eine Familienpackung Seelenbalsam: Warum «Mister Rogers‘ Neighborhood» und «Joe Pera Talks with You» schwere Zeiten etwas leichter machen.


von Michael Rechsteiner

In letzter Zeit ging es mir nicht sehr gut. Eine dieser Phasen, wo der Gin Tonic so wässerig schmeckt, weil man ihn mit glasigem Blick unter der laufenden Dusche trinkt und bei Gelegenheit mal googlet, ob man überhaupt noch in die französische Fremdenlegion aufgenommen werden könnte. (Noch bleibt mir ein Jahr bis zum Höchstalter für die Bewerbung.) In solchen Zeiten also, wenn man das Leben und sein ganzes Drum und Dran nicht mehr so fühlt, tut es gut, wenn dir jemand die Welt nochmals von vorne erklärt. Dich mit sanftem Ton wieder für die kleinen Alltagsfreuden begeistert, mit schlichter Weisheit an die grossen Zusammenhänge heranführt. Und dir das Gefühl gibt, dass es wieder besser wird. Nicht heute. Oder morgen. Aber ganz, ganz bestimmt. Womöglich findet sich eine solche Stimme in der Familie. Gehört einem guten Freund, einer guten Freundin. Oder sie spricht zu dir aus einem Bildschirm, ohne dich zu kennen. Und trifft trotzdem genau ins Herz. So, wie das für mich in den vergangenen Wochen Fred Rogers und Joe Pera getan haben.

Amerikas Lieblingsnachbar

1968 feierte Fred Rogers mit einer TV-Sendung Premiere, die in den kommenden vier Jahrzehnten Generationen von Kindern prägte und bis heute erwachsene Augen nostalgisch aufblitzen lässt. «Mister Rogers‘ Neighborhood» richtete sich an ein Publikum im Vorschulalter, doch der Protagonist war kein lilafarbener Dinosaurier, oder eine Gang quiekender Mondgesichter auf einem Golfplatz-Schrägstrich-LSD-Trip. Mister Rogers trug Krawatte unter seiner Strickjacke und wechselte nach dem Betreten seiner guten Stube artig von den Strassenschuhen in Hauspantoffeln. In seiner ruhigen Sprache schwang Geduld und Neugier und Nächstenliebe mit. Und er benutzte sie, um seinen jungen Zuschauerinnen und Zuschauern Antworten auf all die Fragen zu geben, die mit jedem neuen Tag auf sie einprasselten: Wie kommt das Bunte in die Kreide? Was passiert in einem Restaurant? Aber auch: Warum lassen sich Eltern manchmal scheiden? Und wie geht man um mit dem Tod eines geliebten Haustiers?

Tom als Fred für Oscar

Mister Rogers sang Lieder, erweckte Handpuppen zum Leben, begrüsste Gäste und ging zu Besuch: bei Kunstmalerinnen, Primaballerinas, Astronauten. Er öffnete den Kindern vor dem Fernseher die Tür zur Welt und gab ihnen die Ratschläge, um in ihr bestehen zu können. 2003 verstarb Fred Rogers, wenige Monate nach seiner letzten Sendung, an Magenkrebs. 912 Episoden von seiner «Neighborhood» hatte er zu Lebzeiten produziert, in den USA ging er als eine der meist geschätzten Persönlichkeiten in die Fernsehgeschichte ein – und ausserhalb der Vereinigten Staaten dürfte sein Name jetzt auch durch den Kinofilm «A Beautiful Day in the Neighborhood» bekannter werden. Tom Hanks verkörpert darin den Mann mit dem «Won‘t You Be My Neighbor?»-Song auf den Lippen und wurde für die Rolle bei den diesjährigen Oscars in der Kategorie «Bester Nebendarsteller» nominiert. Die Handlung ist inspiriert von einer Titelreportage des Magazins Esquire, welche der Journalist Tom Juond im Jahr 1998 verfasste und während seiner Recherche ein enges Verhältnis zu Rogers entwickelte.

Tourguide ins Alltagsglück

Sehr gut möglich, dass auch Joe Pera bereits als Kind vor dem TV zu Gast in «Mister Rogers‘ Neighborhood» war. Auch wenn es auf den ersten Blick sehr schwer zu sagen ist, wie alt dieser Mann mit dem bereits schütteren blonden Haar und den dauerrosigen Wangen ist. Wenn Joe Pera spricht, könnte man glauben, einen schüchternen Grossvater zu belauschen. Er kleidet sich, als hätte er um 15 Uhr einen Termin zum Bingo und sein Freundeskreis scheint fast nur aus Menschen über 70 zu bestehen. In den USA lief jüngst die zweite Staffel «Joe Pera Talks with You» auf dem Sender Adult Swim – ansonsten bekannt für experimentelles Stoner-Program à la «Aqua Teen Hunger Force» oder den popkulturellen Juggernaut «Rick & Morty». Doch wenn Joe Pera auftaucht, dann breitet sich gefühlt eine warme Steppdecke über deinem Gemüt aus. In den zehnminütigen Folgen nimmt uns diese Mensch gewordene Wollpullover-Chinos-Kombi mit durch ihren Alltag und lehrt uns, die beschaulichen Schönheiten, die uns ständig umgeben, wiederzuentdecken.

Pancakes und Classic Rock

Und so lädt uns Joe Pera ein ins Diner, um dort während meditativen Pfannkuchen-Zeitlupenaufnahmen über das perfekte Frühstück zu philosophieren. Führt durchs Lebensmittel-Shopping und bittet uns, online eigene Einkaufsvorschläge für seine Liste einzutragen. Oder will der ganzen Welt in kindlicher Aufregung von seinem neuen Lieblingssong erzählen – weshalb auch bei uns «Baba O‘Riley» von The Who neuerdings in der Dauerschleife läuft. Gegen «Joe Pera Talks with You» wirken selbst die «Golden Girls» wie der Trailer zu «Fast & Furious 9». In Joe Peras Nachbarschaft ist Zynismus noch nicht eingezogen, leben Hektik und Aufregung ein paar Strassen weit entfernt. Wenn er uns bei Regen im Bett seine Notenblätter-Sammlung zeigt, ist es das einzige ASMR-Video, welches diese Welt noch braucht. Und gewiss auch ein klein wenig mit ein Grund, warum ich irgendwann an einem dieser Tage wieder ohne ein Glas Gin unter die Dusche gehen werde.

  • «A Beautiful Day in the Neighborhood» ab 16. April im Kino
  • Komplette Episoden von «Mister Rogers‘ Neighborhood» auf misterrogers.org
  • Komplette Episoden von «Joe Pera Talks with You» auf adultswim.com (evtl. ist bisschen VPN-Action nötig, ähem)