Joker – Das Böse, das hätte verhindert werden können


Die rundum ungewöhnliche Comicverfilmung macht es uns nicht einfach. Und das ist vielleicht genau das beste daran.


«Hey Robin, reich mir doch bitte mal kurz das Anti-Backlash-Bat-Spray!», werden sich Todd Phillips und Joaquin Phoenix in den letzten Tagen insgeheim wohl häufiger gewünscht haben. Zunehmend gehässig wehren sich der Regisseur und Hauptdarsteller von «Joker» in einer nun schon seit Wochen tobenden Debatte um ihren neuen Film. Noch längst bevor dieser überhaupt einem Publikum gezeigt wurde, brannte im Internet – und nun auch zunehmend im Feuilleton – der Vorwurf auf, die origin story des ikonischen Batman-Gegenspielers würde Gewalt glorifizieren. «Bei John Wick sagt ja auch niemand was!», gab Todd Phillips sinngemäss jüngst bei einem Interview mit der Associated Press zu Protokoll und spielt damit auf Keanu Reeves‘ Auftragskiller with a heart of gold an, dessen drei letzten Filme Actionfans und Fachpresse gleichermassen verzückten.

Selbst das US-Militär warnt

Damit geht Phillips aber nur zu halber Strecke auf die Kritiker ein. Schliesslich handelt es sich bei «Joker» nicht bloss um comichaftes Popcorn-Geballer, sondern – für einen Film mit einer ursprünglichen Comic-Figur im Zentrum geradezu ironisch – ein schmerzhaft in der Realität verankertes Porträt eines Charakters, der einerseits massive psychische Störungen aufweist und dem andererseits Posterboy-Qualitäten für eine ganze Generation von Incels angeprangert wird. Als Incels (kurz für «involuntary celibate», also unfreiwillig sexlos) werden die Mitglieder einer Subkultur von überwiegend weissen, heterosexuellen Männern bezeichnet, die sich oftmals von der Gesellschaft ausgestossen fühlen und auf Internet-Plattformen wie 8chan ihren Hass auf Frauen und mitunter den Rest der Welt auslassen. Nicht selten kann es dabei zu einer weiteren Radikalisierung und – im schlimmsten Fall – realen Gewaltausbrüchen kommen. So passen zahlreiche Amokläufer in das Profil dieser Risikogruppe. Kurz vor der US-Premiere von «Joker» warnte sogar das amerikanische Militär in einer E-Mail an seine Mitglieder spezifisch vor der Gefahr von «Incel-Gewalt» in Kinos – wohl auch in Erinnerung auf das Aurora-Massaker, bei dem im Jahr 2012 ein als Joker verkleideter Attentäter während einer Vorstellung von «The Dark Knight Rises» zwölf Menschen im Saal erschoss.

Blutgold?

Schon einmal sorgte ein Film für ähnliche Aufregung: 2003 gewann «Elephant» von Gus Van Sant an den Filmfestspielen von Cannes die Goldene Palme. Darin inszeniert der Regisseur geradezu provozierend nüchtern den vermeintlichen Alltag zweier High-School-Aussenseiter – bis sie plötzlich schwer bewaffnet durch die Gänge ihrer Schule streifen und alles erschiessen, was ihnen vor den Lauf gerät. Vier Jahre zuvor ereignete sich an der Columbine High School in Colorado tatsächlich ziemlich genau eine solche Tragödie, es war zu diesem Zeitpunkt die schlimmste Schulschiesserei der USA und wurde zur fürchterlichen Blaupause zahlreicher Nachahmer. Bei «Elephant» handelt es sich jedoch um trockenes Arthouse-Kino. «Joker», der in diesem Jahr den Goldenen Löwen am Filmfestival Venedig gewann und nach seiner Erstaufführung eine achtminütige Standing Ovation der Anwesenden erfuhr, benutzt als Hauptfigur jedoch eine der schillerndsten Schöpfungen der Popkultur zu deren radikaler Neuerfindung.

Häufchen Elend in Make-up

Hier findet sich nichts vom verschrobenen Glamour, den Jack Nicholson bei seiner Darstellung in «Batman» ausstrahlte. Weg sind die grellen Hipsterisms von Jared Letos, äh, Experiment. Und auch mit Heath Ledgers kongenialer Interpretation hat dieser Clownprinz nichts gemein. War der Erzfeind vom «Dark Knight» noch ein so geheimnisvoller wie verwegener Anarchist, scheinbar stets in Kontrolle eines wahnwitzig ausgetüftelten Masterplans, umweht diesen Joker nichts Mysteriöses und schon gar nichts Bewundernswertes, wie das in der aktuellen Antihelden-These mitunter angeprangert wird. Der von Phoenix dargestellte Arthur Fleck ist ein sozialer Sonderling, den Politik und Umfeld immer weiter wegstossen, bis es für ihn offenbar keinen Weg zurück mehr in die Gesellschaft gibt. Es ist ein Versuch, das Böse zu erklären – nicht zu entschuldigen oder gar romantisieren. Dabei vergreift sich Phillips teilweise durchaus an seinen Stilmitteln der Provokation – ein Hype-Song von Gary «Verurteilter Kinderschänder» Glitter im Soundtrack, wut …!? –, schafft gleichzeitig aber auch ein Stück unbequemes Mainstream-Kino, wie man es zuletzt selten erlebt hat.

Kino zum Aushalten

Die Befürchtung, «Joker» könnte jungen, wütenden Männern als Vorwand für abscheuliche Taten dienen, kann nicht ganz von der Hand gewiesen werden. Ein Film, von dem sich Todd Phillips sehr viel abgeschaut hat, ist Martin Scorseses «Taxi Driver». Ein Mann, der sich diesen Film 1976 im Kino angeschaut hatte, war John Hinckley Jr., der darauf eine Besessenheit für die damals 14-jährige Nebendarstellerin Jodie Foster entwickelte. Hinckley plante mehrere Verbrechen in der Hoffnung, Foster damit imponieren zu können und verwundete schliesslich US-Präsident Ronald Reagan bei einem Attentat 1981 auf offener Strasse. Und doch sind Filme wie «Joker», «Elephant» und «Taxi Driver» Werke, die gemacht, mitunter gefeiert und in manchen Fällen auch schlicht ertragen werden müssen. Denn sind es am Ende nicht sie, die für all das Schlechte in der Welt verantwortlich gemacht werden können. Vielmehr mögen sie mitunter dazu dienen, mühsame und unbequeme Diskurse anzuregen, in deren Verlauf sich die Gesellschaft mit ihrer eigenen Verantwortung auseinandersetzen muss und diese nicht auf Kunst und Unterhaltungsmedien abschieben kann.

Gary Glitter! Seriously, wtf!

Movie-Review: Joker

Trauerspiel

Man war ja zunächst durchaus skeptisch: Der Regisseur der «Hangover»-Filme soll einen Film über den Joker drehen – noch dazu so einen richtig ernsten? Zum Glück hat Todd Phillips aber ein grossartiges Darsteller-Ensemble – allen voran Joaquin «Gebt ihm einfach den Oscar» Phoenix – zur Seite sowie Martin Scorseses Fime «Taxi Driver» und «King of Comedy» offenbar in Dauerschleife geschaut. Deren beklemmende Tristesse des kleinen Mannes in der grossen Stadt steht dem tragischen Auf-, äh, Abstieg des Jokers nämlich ausgezeichnet. Dem Massengeschmack entzieht sich diese Comicverfilmung damit ganz bewusst – und macht sich damit umso eindrücklicher. (rec)

Von Todd Phillips

Mit Joaquin Phoenix, Zazie Beets, Robert De Niro

4/5 Sterne

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