Legenden des Laufstegs: «Pose» ab heute auf Netflix


Seit gestern gibt es endlich wieder neues Material zum bingewatchen. Die vielversprechende Serie «Pose» zeigt eine glamouröse aber geheime Untergrund-Welt, die in den Achtzigern ihren Anfang fand.


Ryan Murphys («Glee», «American Horror Story») neue Serie wirft ein funkelndes Scheinwerferlicht auf eine Underground-Szene, die in den Ballrooms von Harlem der 80er Jahre entstanden ist – und auch im heutigen Nachtleben Zürichs noch immer für queeren Glamour sorgt.

Ihr Catwalk steht am Abgrund, doch umso furchtloser stolzieren sie über ihn hinweg. Die Belohnung sind keine Model-Verträge oder Fotostrecken in Hochglanz-Magazinen, sondern Respekt und Anerkennung unter ihresgleichen – Dinge, die ihnen die restliche Gesellschaft vehement verweigert. Denn als Schwule und Transsexuelle hispanischer und afroamerikanischer Herkunft werden die Protagonisten der New Yorker Ballroom Culture gleich doppelt marginalisiert. Von ihren leiblichen Familien meist komplett ausgestossen, finden sie in sogenannten «Houses» – angeführt von einer besonders glanzvollen «Mother» – ein neues Daheim, das sie vor den Gefahren da draussen beschützen soll: Armut, Hunger, Obdachlosigkeit, gewalttätige Freier oder HIV, das sich in den 80er Jahren wie ein Schatten über das hedonistische New York gelegt hat. Ihrer tristen Wirklichkeit entflieht die dadurch entstandene Subkultur in wöchentlich stattfindenden Bällen, wo sich die Houses in thematisch festgelegten und aufwendig kostümierten Tanz- und Pose-Darbietungen messen – dem sogenannten Voguing. 

American Glamour Story
Nie klangen die Worte von Oscar Wilde so wahr, wie im Zusammenhang mit eben jener Ballroom Culture: «We are all in the gutter, but some of us are looking at the stars.» Einen besonders faszinierenden Einblick in diese Welt, wo  Glanz und Tragik Schulter an Schulterpolster koexistieren, erlaubt der Dokumentarfilm «Paris Is Burning» aus dem Jahr 1990 (unbedingt anschauen!). Auf fiktionale Weise nähert sich nun Erfolgsproduzent Ryan Murphy dem Thema. Vergangenen Sommer feierte seine TV-Serie «Pose» in den USA Premiere, jetzt ist die erste Staffel dank Netflix auch bei uns verfügbar. Im Fokus stehen die Gründung und Mitglieder vom House of Evangelista, angeführt von Transfrau Blanca (Mj Rodriguez), die unter anderem den jungen Tänzer Damon (Ryan Jamaal Swain) unter ihre Fittiche nimmt. Gefeiert wurde «Pose» auch aufgrund der Besetzung: Ein Grossteil der Cast besteht aus transsexuellen Akteuren, mit Jose Gutierez Xtravaganza und Sol William Pendavis sind zudem tatsächliche Ikonen der damaligen Ballroom-Szene in Nebenrollen zu sehen. (Und als Bonus gibt es «Dawson‘s Creek»-Cryface James Van Der Beek als koksendes Yuppie-Scheusal.)

En vogue weltweit
In den ersten acht Episoden (eine zweite Staffel wurde bereits bestätigt) formuliert das stylisch inszenierte und aufregend erzählte Drama einen würdigen Liebesbrief an dieses faszinierende Milieu, welches sich inzwischen hochhackigen Schrittes weit über die Grenzen New York Citys hinaus gewagt hat. «RuPaul‘s Drag Race» – eine längst zum Kult gewordene Castingshow, die 2019 in ihr zehntes Sendejahr geht – hat Elemente wie das Voguing und typisches Szene-Vokabular einem breiteren Publikum vorgestellt, Ballroom-Houses finden sich längst von Neuseeland bis Frankreich. Und auch in Zürich lebt weiter, was einst vor über 30 Jahren in Harlem geboren wurde. So findet am 16. Februar in der Labor Bar der «Kweer Ball: Snow Ball Edition» statt, mit Posedowns in drei winterlichen Kategorien und einem DJ-Set des Genfer House of Genevegas.

In guten Händen
Voguing-Acts finden jeweils auch im Rahmen der Partyreihe Disco Biscuit statt, die jeden Donnerstag im Gonzo das Wochenende an der Langstrasse einläutet. Hayden Kryze ist eine der Performerinnen, die sich regelmässig im Club in Pose werfen. Von der Geschichte der Kunstform hat Hayden unter anderem auch durch «Paris Is Burning» eine Menge gelernt. Ziel ihrer Auftritte sei, dass die Menschen im Publikum mitfühlen und mitfeiern sollen, gleichzeitig bringen Hayden die Darbietungen jedes Mal wieder neue Erkenntnisse, die sie in zukünftige Choreographien einbaut. Auch hält sie sich durch Videos von aktuellen Ballroom Contests und Tanz-Inszenierungen um den ganzen Globus auf dem Laufenden und erweitert damit fortlaufend das eigene Move-Repertoire. Für «Pose» hat Hayden nur lobende Worte, zumal mit Ryan Murphy ein Showrunner am Werk sei, der sich in der Vergangenheit schon häufiger ähnlicher Materie gewidmet hat: «Es ist ein heikles Thema und deshalb ist es sehr erfreulich, dass es in so guten Händen ist.»

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