Mad Heidi – Splätter Wätter in den Bergen


Ihre Welt sind die Särge – denn wenn dieses Heidi erst einmal auf die Kinoleinwände losgelassen wird, spritzt es Blut und Folter-Fondue. Nachdem kürzlich die zweite Finanzierungsrunde vom Crowdfunding erfolgreich beendet wurde, sollen demnächst die Dreharbeiten zu einem etwas anderen Heimatfilm losgehen.


Alphorn. «Ho-la-di-ho». Alphorn. «Ho-la-di-ho». Und dann geht das Mitschunkel-Intro vom Duo Gitti und Erika auch schon los. Die im deutschen TV damit untermalte Anime-Serie «Heidi» machte das pausbäckige Alpenkind nicht nur in Japan zum Phänomen, sondern prägte weltweit die Wahrnehmung eines Charakters, den die Schriftstellerin Johanna Spyri mit ihren beiden «Heidi»-Romanen 1880/81 aus der Taufe hob. Aktuell beschäftigt sich die Sonderausstellung «Heidi in Japan» im Zürcher Landesmuseum mit dem Phänomen und serviert dazu all die üblichen herzallerliebsten Bilder: Gipfel, Gitzi, grüne Wiesen. Die vom legendären Studio Ghibli produzierte Trickfilmserie mag das Bündner Balg zwar endgültig in die globale Popkultur katapultiert haben, seinen ersten grossen Kinoauftritt hatte es da aber schon längst hinter sich: Shirley Temple spielte 1937 in einer Hollywood-Produktion die Hauptrolle, fünfzehn Jahre später folgte die erste Schweizer Version. In über einem Dutzend Inkarnationen fand das Heidi seither seinen Weg ins Kino und Fernsehen, zuletzt 2015 mit einer international enorm erfolgreichen Neuverfilmung.

Eine Heidi in Arschkickstiefeln
Und so wurde Heidi im vergangenen Jahrhundert zum international angehimmelten Symbol für die Heile-Welt-Schweiz und Hashtag-Heimat-Porn sondergleichen, höchstens zu überflügeln wenn Roger Federer den Swissfuckers-Bus fahren und dabei auf eine Armbanduhr aus Schoggi schauen würde. Dieses Image machen sich momentan auch ein paar hiesige Filmemacher zunutze und stellen es dabei gleichzeitig auf den Kopf: «Mad Heidi» heisst das Projekt, welches das Waisenmeitschi als abgebrühte Exploitation-, äh, Swissploitation-Heroine neu erfindet. Als Anführerin einer Handvoll Aufständischer zieht sie gegen jenen despotischen Käse-Magnaten in die Schlacht, der inzwischen die Schweiz unter seine Kontrolle gebracht hat – und diese mit allen Mitteln verteidigen will. In den Hauptrollen sind unter anderem Jessy Moravec («Mario») und Max Rüdlinger («Achtung, Fertig, Charlie!») mit dabei. Im vergangenen September sorgte ein erster Teaser-Trailer für Aufsehen: Die Alm-traumhaften Naturaufnahmen stehen im krassen Gegensatz zu den schwarzhumorigen Splatter-Einlagen und dem faschistoiden Auftreten von Heidis Feinden. Seit dem Release dieses ersten Probiererlis auf YouTube hat das Team um Regisseur Johannes Hartmann sowie den Produzenten Valentin Greutert und Tero Kaukomaa weiterhin fleissig Geld gesammelt, um das Unternehmen voranzutreiben.

Swissploitation auf Erfolgskurs
Kaukomaa hat Erfahrung, was Crowdfunding betrifft: Auf gleiche Weise konnte der Finne bereits das Geld für die beiden «Iron Sky»-Filme zusammenbringen, in denen es die Nazis nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Mond verschlagen hat. Auch stilistisch dürfte sich «Mad Heidi» mit der grimmigen und doch stets charmant-gewitzten Grindhouse-Ästhetik des skandinavischen Überraschungserfolgs verbunden fühlen. Liebhaber von ähnlichen (und mitunter ebenso erfolgreich publikumsfinanzierten) Operationen wie «Kung Fury» oder «Danger 5» haben noch immer Gelegenheit, sich am Sponsoring von «Mad Heidi» zu beteiligen. Dazu löst man über die Film-Website per Einzahlung sogenannte «Heidi Bonds» und kann diese dann durch Belohnungen eintauschen – beispielsweise den eigenen Namen in den Filmcredits oder eine Statistenrolle. Bislang konnten über 160’000 solcher «Heidi Bonds» generiert werden. «Damit ist ‹Mad Heidi›, soweit ich weiss, das erfolgreichste Crowdfunding, das es in der Schweiz je für ein Filmprojekt gegeben hat», sagt Regisseur Hartmann.

Weltweite Madness
Dabei stösst «Mad Heidi» nicht nur in der Schweiz auf Interesse: «Auch in Deutschland und Italien findet das Projekt immer mehr Anhänger. In den USA wiederum scheint es relativ schwierig zu sein, auf sich aufmerksam zu machen. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass der Markt dort total mit einheimischen Filmen übersättigt ist und die Leute deshalb gar keine Zeit haben, um über den Tellerrand hinauszublicken.» Trotzdem soll das fertige Produkt nicht nur Fans mit Helvetien unter den Füssen erreichen: «Ich will auf jeden Fall einen Film machen, den man weltweit auswerten kann. Sicher wird er ein paar ‹Insider›-Witze enthalten, die nur Schweizer verstehen – aber insgesamt sollte der Film auch für ein internationales Publikum gut funktionieren.» Und damit hoffentlich auch der Welt beweisen, dass dieses vermeintlich in Postkarten-Idylle festgefrorene Volk von Dauerneutralen ebenso zu kultureller Subversion fähig ist.

Kapo Züri fühlt es nöd so
Dem Ziel von einer Million Franken ist man in den vergangenen Monaten auf alle Fälle schon mal ein ordentliches Stück näher gekommen, es beginnt nun die dritte Finanzierungsrunde – und die weiteren Vorbereitungen zu den Dreharbeiten, die kommendes Jahr beginnen sollen. Zunächst erhält das Script den Feinschliff: «Das Drehbuch ist eine Herausforderung, da wir nicht nur einen hirnlosen Ballerstreifen machen, sondern wirklich auch eine gute, spannende Story mit interessanten Charakteren bieten wollen. Ich finde trashige Filme nur cool, wenn die Story auch eine gewisse Substanz hat und mit gesellschaftskritischen oder politischen Elementen spielt.» Dass sich die Macher mit «Mad Heidi» an eine scheinbar noch immer heilige Kuh wagen, schleckt keine Geiss weg: Im April wurde einem Co-Autor aufgrund seiner Involvierung mit «Mad Heidi» fristlos der Job als Sicherheitsangestellter von der Kantonspolizei Zürich gekündet. Zudem sollen bereits mehrere Firmen mit einer Klage gedroht haben. «Solche Vorkommnisse zeigen uns, dass ein solcher Film in der Schweiz dringend nötig ist», meint Hartmann. Und dazu sagen wir nur: Ho-la-di-yeah!

Du willst «Mad Heidi» mitunterstützen? Alle Infos zum Film und den «Heidi Bonds» findest du auf madheidi.com.

5 Schweizer Heimatfilme, die man gemäss den «MadHeidi»-Machern unbedingt gesehen haben sollte:
• Heidi (1952)
• Die Schweizermacher (1978)
• Beresina oder die letzten Tage der Schweiz (1999)
• Das Boot ist voll (1981)
• HD-Soldat Läppli (1959)

Diesen Artikel kannst du ab sofort in voller grafischer Pracht in unserer Online-Ausgabe des Printmagazins lesen.