Once Upon a Time in Hollywood – Charlie und die schockierte Traumfabrik


Im neuen Film von Quentin Tarantino gehen auch die mordenden Anhänger von Charles Manson um. Seit Jahrzehnten werden die Gräueltaten der sogenannten «Family» künstlerisch verarbeitet – in sehr unterschiedlicher Qualität. Wir werfen einen Blick in die Abgründe vom Manson Cinematic Universe.


Wie wir im Verkehrshaus Luzern gelernt haben, landeten am 16. Juli 1969 die Amerikaner als erste Menschen auf dem Mond und beförderten die Welt und insbesondere die eigene Bevölkerung in ein kollektives High. Es brauchte also schon ein ganz dickes Bündel bad news, um diesen gesellschaftlichen Höhenflug zurück auf den harten Boden crashen zu lassen. Und tatsächlich dauerte es nur wenige Wochen: Am 9. August des gleichen Jahres erschütterte eine brutale Mordserie in Hollywood die Nation. Innerhalb von zwei Tagen fielen sieben Menschen – darunter die hochschwangere Schauspielerin Sharon Tate – den Taten einer Bande zum Opfer, die sich schnell als Mitglieder einer fanatischen Gefolgschaft um Charles Manson herausstellten. Der gescheiterte Folksänger und Kleinganove lebte zu dieser Zeit auf einer abgelegenen Farm in Kalifornien, scharte eine Handvoll jugendlicher Ausreisser um sich und stachelte einige von ihnen mit der Prophezeiung eines anstehenden Rassenkrieges («Helter Skelter») zu den perfide inszenierten Hinrichtungen an. Die Tate-LaBianca-Morde trafen das in glamouröser Dekadenz lebende Hollywood mitten ins Herz und fühlten sich an wie das ohrenbetäubende Plattennadel-Abrutschen während einer Hippie-Party. 

Ein Wahnsinniger macht Weltkarriere
Charles Manson und vier seiner Handlanger wurden zunächst zum Tode und später zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt, 2017 verstarb der selbsternannte Guru im Alter von 83 Jahren – als Pop-Ikone für Amerikas düsterste Seite. Denn was er nicht durch seine Musik erreichte, gelang Manson durch das Blutvergiessen seiner Family: Weltberühmtheit. Schnell entstand nach seiner Verurteilung ein noch viel mächtigerer Personenkult um jenen Mann, dessen verschrobenes Weltbild die «Love & Peace»-Generation ins scheinbare Upside Down gestürzt hatte. Die Sensationsgier des Publikums war geweckt und Hollywood – eben noch in seinem Glanz verwundet – warf den Exploitations-Motor an. Bereits 1971 erschien «The Other Side of Madness», eine hastig produzierte Pseudo-Doku mit nachgestellten Mordszenen. Zumindest ein klein wenig mehr Feingefühl liess «Manson» zwei Jahre später walten und wurde sogar für einen Academy Award in der Kategorie «Bester Dokumentarfilm» nominiert. 

Sektenführer mit Sixpack
Auch Manson selber hatte schon bald die Möglichkeit, seine Sicht der Dinge öffentlich zu erörtern. So kursierten ab 1989 die VHS-Videokassetten «Charles Manson Superstar», auf denen der Inhaftierte in scheinbar endlos langen Interviews seine wirren Tiraden in die Kamera labern durfte. Derweil mimten bald schon Dutzende Schauspieler in Film- und TV-Produktionen seinen Part – darunter Bob Odenkirk («Better Call Saul») in Sketches von «The Ben Stiller Show» oder Gethin Anthony («Game of Thrones») in der Serie «Aquarius», wo er von einem durch David Duchovny verkörperten Detective gejagt wird. Selbst in «South Park» büchst Manson in einer Weihnachtsepisode aus dem Knast aus und schliesst sich den Jungs um Kyle und Stan als netter Onkel mit guten Ratschlägen an. Und auch wenn sie nicht direkt seinen Namen tragen, so geisterten im vergangenen Kinojahr gleich zwei Charaktere über die Leinwand, die drastische Parallelen zu Manson aufweisen: Chris Hemsworth als «Manson, aber in super HOT!»-Version in «Bad Times at the El Royale» und Linus Roache als grandios campy auftretender Jeremiah Sand in «Mandy», ein gescheiterter Songwriter, der die Freundin von Hauptdarsteller Nicolas Cage kurzerhand abfackelt weil sie seine vermeintliche Hit-Single nicht mag. 

Quentin Tarantinos Family Feature 
Es scheint, dass die Rolle von Charles Manson inzwischen so häufig ausgeschrieben wurde, dass sich mittlerweile Schauspieler geradezu darauf spezialisiert haben: Damon Herriman meisterte seine Sache in der Netflix-Serie «Mindhunter» so gut, dass er jetzt noch einmal einen Auftritt als Crazy Charlie hinlegt – für Quentin Tarantinos «Once Upon a Time in Hollywood». Der Filmemacher interpretiert für sein neuntes Werk die kurzzeitige Terrorherrschaft von Manson und seiner Family (u.a. dargestellt von Lena Dunham, Maya Hawke und Dakota Fanning) auf ganz eigene Weise um – wohl auch als Versuch, zum 50. Jahrestag der Mordfälle die von ihm so geliebte Tinseltown ein klein wenig vom Spuk der zu Popstars verklärten Serienkiller zu befreien. Ob es Tarantino und seiner All-Star-Cast aus Brad Pitt, Leonardo DiCaprio und Margot Robbie (in der Rolle von Sharon Tate) gelingen wird? Ab dem 15. August gibt es die Antwort im Kino.

Manson at the Movies – 3 Filme, inspiriert von der Family

The Good: «Martha Marcy May Marlene» (2011)
Starkes Thriller-Drama, inspiriert von der Manson-Family-Dynamik: Nach ihrer Flucht aus einer sektenähnlichen Kommune um den ruchlosen Anführer Patrick (John Hawkes) versucht die junge Martha (Elizabeth Olsen), das dort Erlebte zu verarbeiten und wieder in ein normales Leben zurückzufinden.

The «Meh»: «Helter Skelter» (1976)
Der solide produzierte TV-Film mit Steve Railsback in der Hauptrolle basiert auf einem gleichnamigen Buch, das von den zuständigen Staatsanwälten Vincent Bugliosi und Curt Gentry verfasste Standartwerk zum Manson-Fall. 2004 erschien ein Remake, diesmal mit Jeremy Davies als Charlie.

The Ugly: «Wolves at the Door» (2016)
Grottenmieses Horrorfilmchen erzählt aus der Sicht von Sharon Tate (Katie Cassidy) und ihren Freunden, kurz bevor sie eingepfercht in der Villa ihr blutiges Ende nehmen. Und mittendrin: Die Mutter aus «Malcolm in the Middle». Oh Lois, was hast du dir dabei nur gedacht!

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