Udo Unmasked


Ohne Hut, selten mit Brille: Die filmische Biografie von Udo Lindenberg konzentriert sich auf den Beginn seiner Karriere – und eine Zeit, als Rockmusik die deutsche Sprache lernte.


Spätestens seit dem Kassen- und Oscar-Erfolg von «Bohemian Rhapsody» ist in der Filmindustrie wieder ein Fieber ausgebrochen – und das einzige Rezept dagegen ist more cowbell mehr Musik-Biopics! Gefühlt jeder, der schon mal vor mehr als 10‘000 Leuten ans Mikrofon getreten ist, kriegt demnächst das eigene Leben verfilmt; in Planung sind unter anderem Grossproduktionen zu Boy George, David Bowie, Céline Dion und, äh, Michael Jackson – was kann da schon schief gehen. Nichtsdestotrotz: Eine sichere Bank sind solche Streifen nicht, erst recht bei den glühendsten Fans jener Acts. «Bohemian Rhapsody» mag eine opulent inszenierte «Greatest Hits»-Show geworden sein, gleichzeitig biegt sich der Film die Geschichte von Queen und das Leben von Freddie Mercury im Speziellen etwas gar sehr zurecht für die maximale Ego-Schmeichelei der verbleibenden Bandmitglieder (und Co-Produzenten) Brian May und Roger Taylor.

Natürlich soll eine Musikbiografie kein trüber Faktenhagel sein; künstlerische Freiheiten und erzählerische Kniffe sind ein probates Mittel, um die aussergewöhnlichen Karrieren ihrer Subjekte unterhaltsam abzubilden – «Rocketman» gelang es beispielsweise auf fantastische Weise, Elton Johns Universum einzufangen. Auch, weil der Film einen ungeschönten Blick in die Abgründe warf, aus denen seine Höhenflüge überhaupt erst erfolgen konnten. Die Frage, was einen Künstler zu seinem Werk bewegt hat – und wie dieses Werk wiederum die Welt bewegte – sollte stets im Mittelpunkt stehen.

Ein Leben wie das von Udo Lindenberg liefert dabei gewiss Potential für eine Menge spannender Antworten. Mag ihn speziell ein jüngeres Publikum insbesondere als jenen Schlapphut-und-Sonnenbrillen-Onkel kennen, der ab und zu ein paar nur schwer verständliche Schnoddrigkeiten über den Zustand der Welt abgibt, konzentriert sich «Lindenberg! Mach dein Ding» auf jene Zeit, als ein junger Mann aus der deutschen Vorstadt-Pampa noch ganz am Anfang einer Karriere stand, in deren Verlauf ganz Grosses entstehen würde. So wurde aus dem gefragten Jazz-Schlagzeuger ein gewitzter Sänger, der dem Rock das Deutsch beibrachte zu einer Zeit, als lediglich die «Schlageraffen» in dieser Sprache trällern durften. Und mag sich Hasselhoff noch so mit dem Mauerfall schmücken: Es war die Musik von Lindenberg, die Ost- und Westdeutschland noch längst vor der Wiedervereinigung zusammenschweisste. «Lindenberg! Mach dein Ding» erzählt damit nicht nur den Aufbruch eines Session-Musikers zur Pop-Ikone, sondern den eines ganzen Landes in turbulenten, hoffnungsvollen Zeiten.

Hut ab!

Lindenberg! Mach dein Ding

Von Hermine Huntgeburth

Mit Jan Bülow, Detlev Buck, Ruby O. Fee

Hamburger Kiez, libysche Wüste, ein geteiltes Berlin – und da hat er noch nicht mal sein erstes Solo-Konzert gespielt: Das Leben von Udo Lindenberg bietet Stoff und Kulissen für mindestens zwei weitere Filme. Es sind diese aufregenden Stationen und ein ausgezeichneter Hauptdarsteller (Jan Bülow), welche die manchmal etwas gar klischierte «Sex, Drogen, Rock und Roll»-Inszenierung von der, no shit, «Bibi Blocksberg»-Regisseurin wett machen. Selbst Non-Fans kommen da womöglich auf den Geschmack, das Genie Lindenbergs beim zweiten Hinhören doch noch zu entdecken.

Ab 23.1. in den Schweizer Kinos

3/5 Sterne