Wir Kinder vom Platzspitz Zürich


Wenn von der eigenen Mutter nur noch eine Drogensüchtige übrigbleibt: Der Spielfilm «Platzspitzbaby» lehnt sich an ein wahres Schicksal an und arbeitet ein schmerzhaftes Stück Schweizer Geschichte auf. Absolutes Pflichtkino – nicht nur für Schulklassen.


Flaniert man heute über den Zürcher Platzspitz, dann knipsen dort Touristen ihre Fotos, blättern Studenten auf der Parkbank in Büchern und nehmen Angestellte ihren Mittagslunch ein. Und ja, manchmal stecken sich Teenies beim Rondell verstohlen ein Minigrip mit Gras zu. Wir haben es genau gesehen! Die idyllische Parkanlage ist wieder zum beliebten Publikumstreff geworden, so wie das einst nach ihren Ausbau im Jahr 1883 für die erste Schweizer Landesausstellung beabsichtigt gewesen war. Und wer es damals nicht am eigenen Leib oder durch die Medien erfahren hat, kann womöglich kaum glauben, dass dieser Ort einst ein Synonym für menschliches Elend war – in der Schweiz, Europa, auf der ganzen Welt.

Von 1986 bis 1992 bündelte sich neben dem Hauptbahnhof Zürich eine offene Drogenszene, auf der sich bisweilen bis zu 3‘000 Menschen täglich aufhielten – ein geschlossener Mikrokosmos aus Heroinsüchtigen, organisierten Dealer-Banden, später auch medizinischem Personal, welches gegen das Elend anzukämpfen versuchte. Geschätzt zwei Drittel der Abhängigen kamen von ausserhalb der Stadt, teilweise gar vom Ausland, um sich in Zürichs «Needle Park» zu berauschen – mitunter auch, um dort den Tod zu finden. Nicht nur in der Schweiz sorgte die Situation für Entsetzen und hitzige Debatten; die internationale Presse konnte kaum fassen, was da im doch sonst so auf Paradeplatz-Hochglanz polierten Zürich vor sich ging.

Lange haderte die Stadtregierung mit passenden Massnahmen, dann ging alles ganz plötzlich: Am 5. Februar 1992 räumte die Polizei in einer überraschenden Nachtaktion die gesamte Anlage. Die überstürzte Intervention löste das Problem nicht, sondern schob es lediglich einige Meter die Limmat hoch: Bald schon bildete sich eine noch weitaus gewalttätigere Drogenszene beim Lettenareal. Erst als deren Aushebung mit sozialen Massnahmen wie der legalen Methadon-Abgabe in sogenannten Fixerstüblis flankiert und Süchtige zurück in ihre Heimatgemeinden abgeschoben wurden, konnte die Zwinglistadt aufatmen. Zumindest hatte man das Problem aus dem öffentlichen Blick entfernt. Die geballte Misere löste sich auf in Einzelschicksale, die hinter Wohnungstüren in der ganzen Schweiz verschwanden.

Mamis Drogenkurier

So wie jenes von Michelle Halbheer. Auch ihre Mutter verkehrte regelmässig am Platzspitz, später am Letten. Nach der Scheidung von ihrem Mann wurde ihr das Sorgerecht für die damals zehnjährige Tochter zugesprochen. Der Vater verzweifelte, die Behörden blieben tatenlos. Zwar verschwand die offene Drogenszene aus Zürich, die Heroin- und Kokainsucht aber nicht von Michelles Mutter, die sie fortan teilweise lebensbedrohlich vernachlässigte und direkt in ihre Abhängigkeit miteinbezog: An der Langstrasse musste das Kind regelmässig Spritzen, Drogen und Medikamente besorgen. Michelle glaubte sich im Wettstreit gegen die Substanzen um die Liebe ihrer Mutter – ein Kampf, den sie unmöglich für sich entscheiden konnte. Nach drei Jahren wurde der Teenager von seiner Mutter vor die Tür gesetzt, Michelle verbrachte einige Zeit bei einer Pflegefamilie und baute sich schliesslich eine sichere, suchtfreie Existenz auf.

Das Erlebte verarbeitete sie in einem Buch: 2013 erschien «Platzspitzbaby» und wurde zum Bestseller. In ihrer Biografie macht Michelle Halbheer aber auch klar: Sie ist mit dem Leben davongekommen – viele andere, die eine ähnliche Geschichte erzählen könnten, sind es nicht. Gemäss Die Alternative, einem Verein für Suchttherapie, leben in der Schweiz etwa 4‘000 Kinder von drogenabhängigen Eltern und sind dabei oft hilflose Zuschauer beim schrittweisen Ruin ihrer Schutzbefohlenen. Denn eine amtliche Intervention gestaltet sich oft als schwierig und viele Betroffene enden selber straffällig oder drogenabhängig. Allerhöchste Zeit also, das Thema in die breite Öffentlichkeit zu stossen und einen längst überfälligen Diskurs zu lancieren.

Schmerzhafte Zeitreise

Dabei helfen soll nun auch der Spielfilm von Pierre Monnard («Wilder»), der sich an Michelle Biografie anlehnt. Eindrucksvoll schleudert der Regisseur in der Eröffnungssequenz den Platzspitz zurück in die 90er Jahre, während sich die junge Protagonistin (Luna Mwezi) auf der Suche nach ihrer Mutter den Weg durch die Junkie-Scharen bahnt und versucht, mit dicken Walkman-Kopfhörern und dem Song «Sloop John B.» den allgegenwärtigen Horror zu übertönen. Noch immer scheint es kaum vorstellbar, dass sich einst tatsächlich solche Szenen mitten in Zürich abgespielt haben. Jeden Tag, sieben Jahre lang.

Was folgt, ist die tragische Geschichte einer Tochter, die scheinbar bedingungslos zu ihrer Mutter hält und dabei selber in den Strudel ihres Untergangs gerät. Denn jeder Hoffnungsschimmer, der durch das nächste tränenreiche Versprechen ausgelöst wird, verschwindet gnadenlos und immer wieder aufs Neue, weil Heroin neben sich nichts anderes duldet – keine Familie, keine Zukunft, nichts. Und auch wenn es nicht immer einfach ist: «Platzspitzbaby» ist ein wichtiges Stück Schweizer Kino und Geschichte, das angesehen werden muss. Denn wir haben viel zu lange weggeschaut.

Übrigens: Auf der Website platzspitzbaby.ch gibt es unter der Kategorie «Schulmaterial» einige spannende Kurzdokus, in denen unter anderem die Geschichte vom Platzspitz beleuchtet wird und Zeitzeugen wie Ex-Stapi Josef Estermann zu Wort kommen. Auch spannend für alle, die danach keine Ufzgi dazu schreiben müssen.

Schweizer Suchtdrama

Platzspitzbaby

Von Pierre Monnard

Mit Luna Mwezi, Sarah Spale, Anouk Petri u.a.

Mia (Luna Mwezi) versucht, an ihrer neuen Schule Anschluss zu finden, während sie gleichzeitig Mami für ihre drogensüchtige Mutter spielen muss: Die Verfilmung der gleichnamigen Autobiografie trifft einen harten, aber richtigen Ton und bildet den tragischen Alltag zwischen Sehnsucht und Absturz authentisch ab. Dabei überragen besonders die beiden Hauptdarstellerinnen, die ihre schwierigen Rollen mit Bravour meistern und auch in Erinnerung bleiben, längst nachdem der Abspann über die Leinwand geflimmert ist.

Ab 16. Januar im Kino

5/5 Sterne