Wir sind Heldinnen – Comicverfilmungen mit weiblicher Hauptrolle


Wir klären auf, wieso Superheldinnen-Filme weniger Erfolg haben – gleich vorweg: es liegt nicht an den Frauen – stellen euch die zahlreichen vergangenen Versuche vor und werfen auch einen Blick in die Zukunft.


Stell dir vor, du bringst einen rosafarbenen Föhn auf den Markt, der beim Haare trocknen jedes Mal Stromschläge austeilt und den Gestank einer offenen Kläranlage absondert. Nach wenigen Wochen und miserablen Verkaufszahlen kommst du schliesslich frustriert zum Schluss: «Schon klar, will niemand das Teil kaufen! Die Leute mögen nun mal keine rosafarbenen Föns.» Ähnlich schwachsinnig schwachsinnte auch Hollywood lange Zeit, wenn es um eine Antwort auf die Frage ging, warum es so wenige Superheldenfilme mit einer Frau im Zentrum der Action gibt. 30 Jahre lang floppten solche Produktionen an den Kinokassen – und in den Chefetagen wurde die Schuld stets auf die weibliche Hauptfigur geschoben und nicht auf die miesen Scripts, amateurhaften Special Effects oder komplette Ignoranz gegenüber der Comic-Vorlage. Noch bis ins Jahr 2014 winkte Marvel Entertainment Chairman Isaac Perlmutter in einer geleakten E-Mail ab, als es um die Entwicklung von möglichen Projekten ging: Solche «female movies» würden einfach kein Geld machen und sollen deshalb gemieden werden. 

Ein Jahr später übernahm Kevin Feige die alleinige Aufsicht über Marvel Studios und lässt jetzt zum Kinostart von «Captain Marvel» – in den USA besonders effektvoll auf den Weltfrauentag gelegt – stolz verlauten: «Ich kann die Zeit kaum erwarten, in der Superheldenfilme mit weiblicher Hauptrolle kein Novum mehr sind, sondern die Norm.» Recht hat er. Den Stein, äh, Rubel ins Rollen gebracht hat aber ausgerechnet die Konkurrenz von DC Films. Deren «Wonder Woman» setzte in den USA über 412 Millionen Dollar um – weitaus mehr als es die Filme mit Ben Afflecks Batman und Henry Cavills Superman getan haben. Auch von der Kritik wurde der Film fast universal gepriesen und brachte das nach «Batman v Superman: Dawn of Justice» und «Suicide Squad» strauchelnde DC Extended Universe wieder auf Kurs. Doch nicht nur für starke Frauen auf der Leinwand setzte «Wonder Woman» ein Zeichen: Mit Patty Jenkins übernahm zum ersten Mal eine Regisseurin die Verantwortung bei einem Marvel- oder DC-Film und machte somit das im Zweiten Weltkrieg angesiedelte Abenteuer zu einem schlagkräftigen Argument für mehr weiblichen Einfluss auf beiden Seiten der Kamera.

Denn trotz zahlreicher Talente sind Filmemacherinnen in Hollywoods Grossproduktionen noch immer drastisch unterrepräsentiert. Ändern möchte das unter anderem die jüngst lancierte «4 Percent Challenge», welche grosse Studios auffordert, in den kommenden 18 Monaten mindestens eine Frau für ein Projekt zu engagieren. Universal Pictures und MGM sind bereits mit an Bord und das Comicfilm-Genre setzt weiter jenen Trend fort, den es gesetzt hat: Mit Ryan Fleck und Anna Boden hat «Captain Marvel» eine weibliche Co-Regie und Cate Shortland soll den Avengers-Spin-off «Black Widow» betreuen. Für «The Eternals» wurde Chloe Zhao verpflichtet – die als möglichen Nachfolger der Avengers gehandelten Figuren sollen 2020 ins Kino kommen. Auch auf der DC-Seite stehen mit der von Harley Quinn geführten Heldinnen-Truppe «Birds of Prey» (Regie: Cathy Yan), «New Gods» (Regie: Ava DuVernay) und «Wonder Woman 2» mit dem bewährten Team Gal Gadot und Patty Jenkins spannende Projekte an. Ebenfalls in Planung sind Filme zu Batgirl und Supergirl. Insbesondere letztere dürfte damit hoffentlich filmgeschichtlich endlich rehabilitiert werden, wie unser Blick zurück auf die bisherigen Verfilmungen mit Comicheldinnen zeigt.

Supergirl (1984)
Nachdem «Superman III» ein Jahr zuvor beim Publikum durchgefallen war, hofften die Produzenten mit diesem Spin-off auf einen Befreiungsschlag. Doch es kam noch schlimmer: Trotz sympathischer Titelheldin (Helen Slater) konnte die Franchise nicht zu einem erneuten Höhenflug ansetzen und versank noch weiter in Albernheiten und mittelmässigen Spezialeffekten. Das Filmstudio Warner Bros. musste nach dem erneuten Flop die Rechte an «Superman» und «Supergirl» verkaufen, inzwischen hat der Film als 80s-Kitsch-Guilty-Pleasure ein Comeback hingelegt.
2/5 Sterne

Tank Girl (1995)
Manchmal etwas gar angestrengt COOL! und CRÄZY! – es war halt eine Zeit, in der man «Skateboardz» statt «Skateboards» schrieb, weil das voll so radical klang  – versprüht Lori Petty als Titelcharakter einen klugscheisserischen Charme, von dem sich auch Margot Robbie für ihre Harley Quinn einiges abgeguckt haben dürfte. Ausserdem kämpfte Tank Girl – unterstützt von, ehm, Kängurumenschsoldaten – mit Panzerfahrzeugen in der Wüste um die letzten Wasserreserven 20 Jahre bevor es Charlize Theron und Tom Hardy in «Mad Max: Fury Road» taten.
3/5 Sterne

Barb Wire (1996) 
80% Dekolleté, 20% Patronengürtel: Die Verfilmung des kurzlebigen Dark Horse Comics setzte sich scheinbar als Ziel, die Frage zu beantworten «Was, wenn die Hauptrolle in ‹Casablanca› von einer Dominatrix gespielt würde?». Das Resultat ist temporeicher Trash, der primär als Vehikel dazu dient, Pamela Anderson ausnahmsweise mal nicht halbnackt am Strand von Malibu, sondern halbnackt in einer postapokalyptischen Inner City zu zeigen. Immerhin: Udo Kier macht mit, was jeden Film grundsätzlich vor der kompletten Hoffnungslosigkeit rettet.
2/5 Sterne

Ghost World (2001)
Zugegeben, Enid Coleslaw (Thora Birch) fällt in dieser Auflistung etwas aus dem Rahmen. Aaaber: «Ghost World» basiert auf dem gleichnamigen Comic von Daniel Clowes und wenn Sarkasmus eine Superkraft wäre, dann ist die nerd glasses before they were cool tragende Protagonistin ein Vorstadt-Thanos. Ausserdem mit dabei als Enids Sidekick Rebecca: Scarlett Johansson im Prä-Black-Widow-Modus. Und der Film? Grossartige Coming-of-Age Tragikomödie und ein wunderbar ätzender Liebesbrief über die Freuden und Leiden eines Aussenseiter-Daseins.
5/5 Sterne

Catwoman (2004)
Es ist, als würde man 100 Minuten lang einer Katze beim Hochwürgen eines Fellknäuels zuschauen. Mit der geschmeidigen Meisterdiebin aus den DC Comics hat diese Charakterisierung des Batman-Frenemies kaum noch etwas zu tun, stattdessen musste sich Halle Berry – die kurz zuvor einen Oscar gewann und deren Karriere durch diesen Film zumindest kurzzeitig im Katzenstreu landete – mit Sharon Stone (in der Rolle einer bösartigen, äh, Kosmetik-Verkäuferin) auf einem Dach prügeln, während dazu die Musik osteuropäischer Techno-Clubs pumpte.
1/5 Sterne

Elektra (2005)
Wenn «Catwoman» das Fyre Festival unter den Comicverfilmungen ist, dann dürfte «Elektra» ein Fachkongress für Schuheinlagen sein. Lässt sich der desaströse Katzenjammer nämlich noch mit einer Mischung aus Amüsement und Fassungslosigkeit anschauen, langweilt der «Daredevil»-Spin-off von Anfang bis Schluss. Womöglich wäre er besser als TV-Film unter dem (zugegebenermassen etwas umständlichen) Titel «Jennifer Garner macht einen Waldspaziergang und wird dabei ab und zu von Ninjas unterbrochen – Turtles leider nicht inbegriffen» aufgehoben.
1/5 Sterne

Wonder Woman (2017)
Es bedurfte tatsächlich eines Wunders, um das filmische DC Extended Universe nach drei mässigen bis mistigen Filmen («Man of Steel», «Batman v Superman: Dawn of Justice», «Suicide Squad») doch noch in die Gänge zu bringen. Und voilà: Mit der umwerfenden Gal Gadot in der Titelrolle schuf Regisseurin Patty Jenkins ein im wahrsten Sinne glanzvolles Stück Actionkino. Und wer in Hollywood bis dahin glaubte, so was wäre mit einem weiblichen Hauptpart schlicht nicht profitabel an den Verkaufskassen, hält hoffentlich bis heute noch das Maul.
4/5 Sterne

Captain Marvel (2019)
Nicht, dass man starke Frauencharaktere im Marvel Cinematic Universe bislang mit der Lupe suchen musste (wobei The Wasp zugegebenermassen ziemlich klein ist). Und doch dauerte es elf Jahre und 20 Filme, bis mit Captain Marvel jetzt zum ersten Mal der Fokus vollumfänglich auf einer weiblichen Weltretterin liegt. Brie Larson mimt Kampfpilotin Carol Danvers, die in den 1990er Jahren durch einen Unfall Superkräfte erlangt – und zwar solch mächtige, dass sie es im kommenden «Avengers»-Film wohl auch mit Endgegner Thanos aufnehmen kann.
Ab 7. März im Kino

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