Alle$ im Loot?


Das menschliche Kollektiv hat die Aufmerksamkeitsspanne eines drei Monate alten Golden Retrievers. Der grosse Aufschrei von heute ist schon kurze Zeit später kaum mehr eine Randnotiz wert («Kony 2012», weischno?) und so überrascht es auch wenig, dass der Lootboxen-Skandal vom letzten Winter weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden ist. Hat sich die Industrie von der Praktik der Mikrotransaktionen abgewendet oder sind die Entwickler einfach kreativer geworden bei deren Vermarktung? Wir werfen einen Blick auf den Status Quo und unterhalten uns mit Experten zur rechtlichen Lage in der Schweiz.


2018 hat das Marktsegment der In-Game-Käufe in Deutschland um 28 % auf 1,9 Milliarden Euro zugelegt. Dies verkündete der Verband der Deutschen Games-Branche am 28. März in einer Presseinfo. Für die Schweiz liegen keine Zahlen vor, es liegt aber nahe, dass sich das hiesige Wachstum in einem ähnlichen Rahmen bewegt. Der Free-to-Play-Klassenkönig «Fortnite» hat unterdessen allein im letzten Jahr rund 2 Milliarden Dollar umgesetzt, womit unsere Einstiegsfrage eigentlich schon beantwortet wäre: Mikrotranskationen sind lebendiger denn je und sie werden so schnell auch nirgendwo hingehen. Dazu gehören auch die Lootboxen, die im November 2017 durch «Star Wars: Battlefront 2» zu zweifelhaften Ruhm kamen: Entwickler EA hatte den heiss erwarteten Multiplayer-Shooter dermassen mit unfairen Echtgeldtransaktionen zugemüllt, dass sich Politik und Gesetzgeber auf der ganzen Welt gezwungen sahen, dem US-Unternehmen auf die gierigen Griffel zu hauen und die Praktik sowie deren Legalität genauer zu beleuchten. 

Star Wars Miktrotransaktionen

Nach dem Shitstorm
Während EA noch versuchte, die Scherben zusammenzukehren, zog Belgien bereits die ersten Konsequenzen und erklärte Lootboxen im April 2018 für rechtswidrig. Justizminister Koen Geens begründet dies mit der psychologischen Nähe zum echten Glücksspiel und dessen suchterzeugenden Komponente. Wenig später zog Holland mit ähnlichen Argumenten nach was zur Folge hatte, dass Games wie «Overwatch» «Counter-Strike: GO» oder «FIFA» heute in beiden Ländern komplett ohne die Beutekisten daherkommen. 15 weitere Glücksspiel-Behörden aus Europa und den USA gaben am 17. September 2018 eine gemeinsame Erklärung ab, in der sie sich dazu verpflichteten die Finanzierungsmodelle in Videospielen genauer zu prüfen. Das Ergebnis dieser Prüfung steht noch aus, ein pauschaler Rechtsspruch dürfte aber nicht zu erwarten sein, da sich Glücksspiel in jedem Land anders definiert und daher unter Umständen die juristischen Grundlagen für einen Vorstoss fehlen. Die Schweiz ist bei diesem Konglomerat der Glücksspiel-Behörden nicht dabei und die Eidgenössische Spielbankenkommission (ESBK) – die Aufsichtsbehörde für Spielbankenspiele in der Schweiz – sieht derzeit auch keinen Bedarf dafür. Die auf Glücksspiel spezialisierte Kanzlei MME Legal hat sich mit dem Thema auseinandergesetzt und erklärt uns, warum das so ist: 

Sind Lootboxen, die für Echtgeld erworben werden, per Definition Glücksspiel?

Alexandra Körner: Jein, das hängt unter anderem von deren Inhalt ab. Wir haben das vor allem mit Blick auf das neue Geldspielgesetz untersucht, das per 1. Januar 2019 in Kraft getreten ist. In diesem finden sich auch neue Definitionen dazu, was Geldspiel ist. Spiele sind nur dann Geldspiele, wenn man auf der einen Seite einen monetären Einsatz hat und auf der anderen Seite einen Gewinn oder anderen geldwerten Vorteil. 

Andreas Glarner: Heikel wird es auf jeden Fall, wenn die Lootboxen (seltene) Items enthalten, die nicht zum gleichen Preis anderweitig bezogen oder gar für Echtgeld weiterverkauft werden können. 

Das klingt recht schwammig. 

Andreas Glarner: Es ist auf jeden Fall eine Grauzone. Man muss aber auch sagen, dass bei der Konzeption vom neuen Geldspielgesetz niemand an Lootboxen gedacht hat. Primär ging es bei der Konzeption des neuen Gesetzes um die Verhinderung von Geldwäsche und den Schutz der Spieler. 

Müsste dieser Spieler-Schutz denn nicht auch bei Games greifen? 

Alexandra Körner: Ja, wenn Games Elemente enthalten, die unter das Geldspielgesetz fallen. Dies wurde bis anhin noch nicht gerichtlich oder durch eine Behörde geprüft. Die ESBK braucht in der Regel eine Anzeige für einen konkreten Fall als begründeten Anlass für eine Untersuchung. Dies ist bis heute offenbar nicht passiert. Wenn die Behörden mit den Game-Herstellern sprechen, denke ich daher, dass es realistischer ist, dass die Entwickler sich früher oder später auf ein Modell einigen, dass für den komplett europäischen oder sogar weltweiten Raum gilt, anstatt sich auf einen Rechtsstreit einzulassen. Mittelfristig ist es auch in deren Sinn, die Thematik zu entschärfen, damit kein übergreifendes Verbot ausgesprochen wird. 

Eine länderspezifische Lösung ist also nicht in Sicht? 

Andreas Glarner: Theoretisch müsste man hierfür ja das Gesetz neu entwerfen, aber das wird nicht passieren. Ich denke, realistischer ist eine EU-weite Guideline, die dann auch von der Schweiz übernommen wird. 

Alexandra Körner: Das Problem wird vorerst auf jeden Fall präsent bleiben.

Dr. Alexandra Körner berät in- und ausländische Klienten bei gesellschaftsrechtlichen Fragestellungen und der Vertragsgestaltung und verfügt über besondere Expertise in Compliance-Fragen des Spielbankenrechts.
Dr. Andreas Glarner betreut international ausgerichtete Technologie- und Industriebetriebe sowie Internet- und Blockchainunternehmen.

Ein virtuelles Flugi für 60 Stutz

Mikrotransaktion Maniacs

Jeder Publisher verfolgt seine eigene Strategie der Monetarisierung. Einige geben sich bescheiden, während andere konsequent die Grenzen des Mach- und Zumutbaren ausloten. «Street Fighter»-Zangief rät: «Hütet euch vor diesen Kapitalistenschweinen!».

Activision Blizzard
Wenige Tage vor Redaktionsschluss veröffentlichte Acti-Blizz einen Hammer als neue Nahkampfwaffe für «Call Of Duty: Black Ops 4» für rund 30 Stutz. Für das Geld bekommst du alternativ auch die 9. Staffel von «Scrubs» auf DVD, was eine unfassbar beschissene Investition wäre, aber immer noch sinnvoller als dieser fucking Hammer.

EA Games
Nach dem «Star Wars»-Debakel hat EA zwar ein wenig die Bremse gezogen, aber die Abzocker-Karre schlingert noch immer munter durch die Gaming-Landschaft. «FIFA»-Spieler werden im FUT-Modus, ausserhalb von Belgien und Holland, weiterhin über den Tisch gezogen und wir haben auch nicht vergessen, dass der Publisher 2013 die Horror-Franchise «Dead Space» mit einem absurden Finanzmodell ruiniert hat.

Rockstar Games
Die GTA-Entwickler fliegen unfairerweise noch immer zu sehr unter dem Shitlist-Radar, dabei ist die aggressive Monetarisierung von «GTA Online» mitverantwortlich für die Etablierung der Echtgeld-Transaktionen in Vollpreis-Games. Unter anderem zahlte man dort für einen Militärjet zeitweise um die 60 Franken. René Schudel kauft dafür im Lidl Essen für eine 18-köpfige Familie.

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