Fallout Boy in space – The Outer Worlds


Nach einem mittelmässigen vierten Teil und einem katastrophalen Online-Ableger ist die Sache klar: Der tief gefallene RPG-Gigant Bethesda hat die altehrwürdige «Fallout»-Serie härter an die Wand gefahren, als Henri Paul den Mercedes, in dem 1997 Lady Di gesessen hat. Doch es gibt Hoffnung, da draussen in den Sternen.


von Rainer Etzweiler

Ab jetzt erhältlich für PS4, Xbox One und PC

Eigentlich ist es verdammt lazy «The Outer World» bereits im Lead mit der «Fallout»-Serie zu vergleichen, aber hinter dem Spiel stecken nun mal einige der Entwickler, die die Postapokalypse-Franchise damals überhaupt berühmt gemacht haben. Ausserdem will «The Outer World» gar nichts anderes sein als «Fallout im Weltraum» und so startet die Odysse auch Rollenspiel-typisch mit dem Charakter-Editor, der dich neben deinem Aussehen auch über Talent-Schwerpunkte und deine waffenspezifischen Vorteile entscheiden lässt. Pazifisten investieren ihre Skill-Punkte ins Hacking oder bessere Dialogfähigkeiten. Wer seinem Gegner lieber das Bein aus 200m Entfernung wegsnipert, ist mit dem Fokus auf Fernkampf besser bedient.

In einer weit entfernten Galaxis

Unser frisch erstellter Held bruchlandet auf dem erdähnlichen Planeten Terra 2 und wirkt zunächst mal ziemlich verwirrt. Während seinem 70-jährigen Kryo-Schlaf hat er nämlich verpennt, wie die Menschheit irgendwann sagte «Fuck it!» und sich einer Form von asozialem Kapitalismus hingegeben hat, gegen den der Nestlé Trinkwasser-Diebstahl wirkt wie ein Kinderkrankenhaus-Bau im Tansania. Die knapp zehn Planeten und Raumstationen der Halcyon-Kolonie werden daher auch nicht von Politikern regiert, sondern von Firmen, die ihre Arbeiter als Betriebseigentum ansehen. Die Story ist voll von Sarkasmus und Konsum-Kritik, allerdings nie mit dem mahnenden Zeigefinger, sondern unterhaltsam und öfters auch absurd lustig. Ob du die neue Welt-Ordnung bekämpfen oder unterstützen ist komplett dir überlassen, denn nahezu jede Quest bietet mehrere Entscheidungsmöglichkeiten. Kämpfst du für einen gesichtslosen Konzern oder für eine Siedlung von Deserteuren, die sich fernab der Stadt ein neues Leben aufgebaut haben? Oder versuchst du gar die beiden Parteien gemeinsam an den Verhandlungstisch zu bekommen? Deine Entscheidung.

Taktik-Wolf im Action-Schafpelz

«The Outer World» spielt komplett aus der Egoperspektive, geballert wird in Shooter-Manier und und ähnlich wie bei «Fallout» lässt sich auch hier die Zeit verlangsamen, was Platz lässt für strategische Entscheidungen, zum Beispiel für die Koordination deiner Mitstreiter, von denen du ein halbes Dutzend rekrutieren kannst – allesamt mit eigener Geschichte und eigener Motivation. In mindestens vier davon haben wir uns hart verknallt und die ohnehin schon immersive Geschichte bekommt damit einen weiteren persönlicheren Anstrich.

Nach den Sternen greifen

So sehr sich die «Fallout»-Vergleiche auch aufdrängen, Entwickler Obsidian bäckt derzeit (noch) kleinere Brötchen. Die Städte sind zwar angenehm divers, aber auch vergleichsweise leer. Stilistisch gefällt «The Outer Worlds» mit seinem knallbunten Retrofuturismus, aber grafisch wirkt der Titel altbacken.  Wer eine riesige Spielwelt erwartet, wird ebenfalls enttäuscht. Zwar haben die verschiedenen Planeten von «The Outer Worlds» einiges zu bieten, aber eine dicht besiedelte Landkarte à là «Skyrim» gibt es nicht. Damit mag «The Outer Worlds» nicht ganz das Opus Magnum geworden sein, dass sich die «Fallout»-Fans gewünscht haben – aber zumindest ein grossartiges, hochemotionales und vor allem charmantes Single Player-Erlebnis, dass für gute 40 Stunden bestens unterhält.

4 Sterne

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