Game-Review: Days Gone


Gute Nachrichten für die zwölf Typen und Typinnen die noch immer «The Walking Dead» schauen: Das ist euer Spiel. «Days Gone» packt die Stimmung, die Hilflosigkeit und den rohen, nackten Kampf ums Überleben der ersten paar Staffeln von AMCs Zombie-Serie zu einem bildhübschen Open-World-Game zusammen. Aber kann der Titel auch darüber hinaus begeistern?


Von SIE Bend Studio • Für PlayStation 4

Deacon St. John ist ein Arschloch. Der Protagonist von «Days Gone» hat wenig übrig für die meisten seiner Mitmenschen, tötet, wer ihm in die Quere kommt und schickt überforderte Überlebende für ein kleines Kopfgeld in ein knallhartes Arbeitslager. Man darf ihm das aber nachsehen, schliesslich ist die Liebe seines Lebens tot, sein bester Freund ein Idiot und die Welt, die er kannte in den Binsen. Ausserdem könnte man argumentieren, dass auch die restlichen Bewohner der fiktiven Bergwelt von Farewell allesamt ziemliche Arschlöcher sind. Müssen sie wohl; Ressourcen und Nahrung sind nach der Zombie-Apokalypse rar und die Untoten, hier Freaker genannt, sind nicht die einzigen, die Deacon und Co. ans Leder wollen. Plünderer lauern am Strassenrand und schiessen dich vom Bike und die durchgeknallten Ripper sind eigentlich nichts weiter als eine bewaffnete Crystal-Meth-Version der Zombies. Kurz: Farewell ist etwa so gastfreundlich wie eine nordkoreanische Strafkolonie.

It’s dangerous to go alone. Take this.
Wichtigster Verbündeter für Deacon ist dabei sein Bike. Der Zweiräder ist flexibel genug, um sich durch die engen Passstrassen zu schlängeln und funktioniert darüber hinaus als Speicherplatz und erweitertes Inventar. Allerdings nicht von Beginn weg, nach einem Zwischenfall mit den Ripper stehst du zunächst mit einem dezent schrottigen Fahrzeug da. Ungeeignet für den Plan von Deacon und seinen Töff-Freund Boozer (der Idiot), nach Norden abzuhauen, wo sie sich ein besseres Leben versprechen. Um die Maschine zu pimpen, übernimmst du Aufträge in den Camps der Überlebenden. Diese funktionieren als Hub in denen aufgetankt, aufgerüstet und ausgeschlafen werden kann. Vorausgesetzt du verfügst über die nötigen «Camp Points» – die post-apokalyptische Währung in «Days Gone», die du für erledigte Aufträge bekommst.

Frisch beladen geht’s zurück in die Wildnis, wo Deacon Plünderer-Lager räumt oder die Nester der Infizierten anzündet, um so deren Verbreitung einzudämmen. Dabei greifst du auf ein übersichtliches Schusswaffenarsenal zurück oder – wenn dir das zu unpersönlich ist – haust mittels selbstgebastelten Schlagwaffen die Köpfe ein. Für die Basen der menschlichen Gegner empfiehlt es sich aber ohnehin ein strategisches Vorgehen. «Days Gone» bietet eine rudimentäre Stealth-Mechanik, um die Gegner lautlos auszuschalten. Mehr Spass macht es jedoch, ein paar Untote herzulocken und anschliessend zuzuschauen, wie sich die beiden Fraktionen gegenseitig bekämpfen. Spätestens aber bei einer Schlacht gegen eine Freaker-Horde bist du ohne die richtige Taktik heillos unterlegen. Die Horden unterscheiden sich in Sachen Grösse voneinander, es sind aber in jedem Fall viele. Scheissviele, und wer sie zu nahe ranlässt, ist innerhalb von wenigen Sekunden tot. Um der Übermacht Herr zu werden, verlangt es nach einer geschickten Planung, inklusive Vorbereitung von Fallen und dem peniblen Auskundschaften der Gegend, um daraus mögliche Vorteile zu ziehen.

Das Ausrotten der Horden ist anspruchsvoll und ein spielerisches Novum – ganz im Gegensatz zu den übrigen Neben-Missionen, die rasch repetitiv werden und selten mehr verlangen als das Säubern eines bestimmten Areals oder das Erledigen eines Gegners. Die Story-Missionen gehen etwas weiter und warten auch mal mit einigen klassischen Bosskämpfen auf, im Kern bleibt das «Geh von A nach B und töte X»-Schema aber gleich. Und weil mittlerweile kein Open-World-Game mehr ohne Rollenspiel-Elemente und dem damit verbundenen Fähigkeiten-Baum funktioniert, gibt es den auch in «Days Gone». Je nach Spielstil kannst du deine erspielten Level-Punkte in bessere Schleich-Skills, mehr Wumms für die Waffen oder andere Upgrades investieren.

Alles nur geklaut?
Basen einnehmen, bisschen schleichen, RPG-Elemente – wenn das jetzt klingt wie absolut jedes andere Open-World-Game der letzten fünf Jahre, dann liegt das daran, dass sich «Days Gone» spielt wie absolut jedes Open-World-Game der letzten fünf Jahre. Das Bike ersetzt das Pferd aus «Red Dead Redemption 2», die Plünderer-Camps spielen sich nahezu identisch wie die Outposts in der «Far Cry»-Serie und das Drama der verstorbenen Angehörigen kennt man aus «The Last Of Us». Natürlich erwartet niemand im Jahr 2019, dass Sony das Videospiel-Rad neu erfindet, aber muss es denn wirklich so verdammt uninspiriert sein? Hinzu kommt, dass die Technik auch nach dem dritten Patch noch ihre Schwierigkeiten hat. Die Framerate geht öfters mal tauchen und die plötzlich auftauchenden Pop-Ups zerren an der Atmosphäre, was schade ist da Farewell eigentlich wunderhübsch aussieht und den amerikanischen Nord-Westen hervorragend einfängt.

Wer das Zombie-Setting noch nicht komplett leid ist, riskiert trotzdem einen Blick. Denn in diesem funktioniert «Days Gone» und auch wenn der Titel nicht die erhoffte Punktlandung geworden ist, kann man in der gut 25-stündigen Kampagne des Spiels durchaus seinen Spass haben.

3/5 Sterne

Puzzlespass mit Days Gone

Ähnlich wie Frankensteins Monster ist «Days Gone» ein Flickwerk zahlreicher einzelner Teile. Wir zeigen auf, wo die wichtigsten, ehm, Inspirationen für Entwickler Sony Bend waren.

Zombies
Werden im Spiel zwar Primär Freaker genannt, aber bleiben wir bei den Tatsachen: Es sind schlicht Zombies. Das animalische Tempo haben sie von «28 Days Later» und die Unterarten wie etwa der «Screamer», sind teils 1:1 dieselben wie in «Dying Light».

Alter Ego
Deacon ist eine fast schon dreiste Mischung aus «The Last of Us»-Joel und «The Walking Dead»-Daryl.

Open World
Gegnerische Camps ausmerzen und anschliessend als eigenen Stützpunkt brauchen? «Far Cry» macht das seit 2014.

Ripper
Mir ihren Narben und den kahlrasierten Köpfen könnten die Ripper direkt aus dem «Mad Max»-Reboot entsprungen sein. Die Bastarde sind auch ähnlich nervig wie die War Boys.

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