Verspätete Games – Später ist besser


Metroid Prime 4

«Cyberpunk 2077», «The Last of Us 2» und «Final Fantasy VII Remake» besetzen derzeit in fast allen Most-Wanted-Listen die vorderen Ränge. Und das wird auch noch eine Weile so bleiben, denn alle drei Titel verpassen den angepeilten Release-Termin und erscheinen bis zu sechs Monate später. So ärgerlich das auch scheinen mag, es ist eine gute Nachricht.


von Rainer Etzweiler

Zugegeben, manchmal ist es schon nett, wenn sich Termine verschieben. Etwa, wenn man sich in guter sozialer Fassung verabredetet hat, später aber feststellen muss, dass das eine furchtbare Idee war, weil man doch viel lieber zuhause in Unterwäsche «Brooklyn 9-9» schauen will. Für gewöhnlich ist das aber die Ausnahme; wir freuen uns darauf, unsere Freunde zu treffen, ins Kino zu gehen oder eben auf den Release eines neuen Games.

Wenn sich bei letzterem die Release-Termine verschieben, reichten die Reaktionen der Community bisher von Akzeptanz, über Frustration bis hin zu flammendem Hass. So lächerlich und deplatziert dieser auch sein mag, die Gründe dafür sind leicht zu finden: Zum einen sind Games ganz generell eine hochemotionale Angelegenheit und gleichzeitig gehören Videospieler – noch vor Kleinkindern am Weihnachtsmorgen – zu den ungeduldigsten Menschen der Welt. Und was machen ungeduldige Menschen, die zu viel Zeit haben? Sie gehen ins Internet und beschweren sich, weshalb Release-Verschiebungen schnell zu einem mittelschweren Armageddon hochstilisiert werden.

Metroid Prime 4

Die Entwicklung von «Metroid Prime 4» fing nach fast zwei Jahren nochmals bei Null an. Ein neuer Termin steht noch nicht fest.

Geläuterte Gamer

Seit Ende 2018 zeichnet sich nun aber ein Umdenken in der Mentalität der Gamer ab, welches in diesem Winter seinen bisherigen Höhepunkt fand, als einige der heiss erwartetsten Titel um mehrere Monate, teils sogar Jahre, nach hinten verschoben wurden. Bis auf ein paar wenige Ausnahmen wurden die Entscheidungen der Gaming-Studios begrüsst und sogar in den Facebook-Kommentarspalten – dem Ort, wo Anstand und Höflichkeit (und Rechtschreibung) – meistens aufhören, geben sich die Fans neuerdings zivilisiert und begegnen den Entwicklern mit Verständnis.

Ganz so überraschend kommt das aber nicht, wenn man bedenkt, wie oft die Publisher ihren Kunden ein unfertiges Produkt verkauft haben. «Anthem» dürfte dabei der prominenteste Name des vergangenen Jahres sein. EAs Online-Shooter sollte Spieler eigentlich über mehrere Jahre hinweg ans Pad fesseln, vermochte aber aufgrund des mageren Inhalts und zahlreichen Abstürzen nicht viel länger als ein Wochenende zu unterhalten. Wer dafür 70 Franken bezahlt hatte, fühlte sich zurecht über den Tisch gezogen. Drei Monate davor sorgte «Fallout 76» für rote Köpfe.  Entwickler Bethesdas Plan, die allseits beliebte Post-Apokalypse-Franchise zu einem Multiplayer-Spiel zu adaptieren, scheiterte kläglicher als unser Versuch heterosexuell zu bleiben beim Anblick von Henry Cavills nacktem Oberkörper in der «Witcher»-Serie. Auch Singleplayer-Spiele sind nicht vor dem Problem gefeit. «No Man’s Sky» konnte 2016 die zahlreichen im Vorfeld gemachten Versprechen nicht einhalten und wurde erst drei Jahre und zahlreiche Updates später zu dem Game, das ursprünglich angekündigt war.

«A delayed game is eventually good, but a rushed game is forever bad», sagte einst Nintendo-Sensei und Mario-Erfinder Shigeru Miyamoto. Und auch wenn das Zitat aufgrund der Möglichkeit von nachgereichten Patches heutzutage nur noch halb stimmt, beschreibt es die Problematik noch immer ziemlich treffend. Die Chance auf einen guten ersten Eindruck gibt es nur einmal.

Cyberpunk 2077

Keanu Reeves und «Cyberpunk 2077» verzücken uns ab dem 17. September.

Crunch me harder, daddy

Es hat lange gedauert. Aber das Bewusstsein, dass weder Entwickler noch Konsumenten von einem stur eingehaltenen Release-Termin profitieren, scheint sich etabliert zu haben. Mitverantwortlich dafür waren auch die zahlreichen Industrie-Reportagen der letzten Jahre, die über die Missstände der Arbeitsbedingungen vieler Spiele-Entwickler berichteten. Diese waren in sogenannten Crunch-Phasen gezwungen, bis zu 100 Stunden pro Woche zu arbeiten, um sicherzustellen, dass die Games fristgerecht im Regal, respektive e-Shop, standen. Videospieler mögen ungeduldig sein, aber wer einen halbwegs funktionierenden moralischen Kompass hat, will nicht, dass sich für sein Hobby Menschen bis zum Burnout abrackern.

Natürlich bedeutet das alles nicht, dass wir zukünftig keine fehlerhaften oder verbuggten Spiele mehr serviert bekommen. An dicken AAA-Games arbeiten zuweilen über tausend Entwickler und diese werden weiterhin Fehler machen, was auch tolerierbar sein sollte. Die jüngsten Entwicklungen zeigen aber, dass die Videospieler trotz Vorfreude und Hype bereit sind, eine längere Wartezeit in Kauf zu nehmen, wenn die Geduld dafür mit einem besseren und vor allem fertigen Produkt belohnt wird. Und zumindest im Moment scheint es, als ob die Branche aus dieser Erkenntnis die richtigen Rückschlüsse gezogen hat.

Final Fantasy VII

«Final Fantasy 7 Remake» erschein neu am 10. April.

Watchdogs

Ubisoft will «Watch Dogs: Legion» mehr Zeit geben. Das Open-World-Action-Game soll im 2. Halbjahr 2020 auf den Markt kommen.

Verspätete Games